Willi

Tja, und da blieb aus dieser Generation nur noch mein UrOpa übrig.

Mein UrOpa war ein großer stämmiger Mann mit einem Stiernacken, Händen so groß, wie Kloschüsseln, einem Borstenhaarschnitt und Augenbrauen, die in der Mitte zusammengewachsen waren. Er hatte fast sein ganzes Leben in den Kupferbergwerken im Mansfelder Land verbracht.

So etwas prägt!

Ich glaube, jeder in unserer Familie hatte ein wenig Angst vor ihm, mich eingeschlossen. Außer die Uroma, die in ihrer Zerbrechlichkeit und Hilfslosigkeit so gar nicht zu diesem Mann passen wollte. Aber sie war die Einzige, die Einfluss auf ihn hatte.

In seiner Gegenwart benahm ich mich freiwillig, und ohne dazu aufgefordert zu werden, immer sehr artig und ruhig. Irgendwie schien es auch so, als mochte er mich. Obwohl er das nie sagte. Aber er spielte mir auf seiner Mundharmonika vor und lernte mir die ganz alten Kinderlieder. Außerdem machte es ihm Spass, mir von seinem Essen abzugeben.

Ihr müsst wissen, mein UrOpa machte sich die dicksten Schnitten, die ich je gesehen hatte. Ich stand dann immer mit verschränkten Händen auf dem Rücken an seiner Seite und sah ihm dabei zu. Nicht, weil ich Hunger hatte, sondern weil es für mich so erstaunlich war, dass es solche Schnitten überhaupt gab. Und immer gab er mir ein Stück davon ab. Für ihn war es nur ein Haps. Ich hatte zu tun, dass ich das Stück in den Mund bekam und kaute mindestens genau so lange daran, wie er brauchte, um die ganze Schnitte zu essen.

Überhaupt nahm er mich gern zu den gemeinsamen Mahlzeiten auf den Schoß und gab mir dann von seinen Essen. Das kam aber daher, weil er meistens Extra-Essen bekam. UrOma und Mutti mochten halt keine Bohnensuppe mit Hammel und ähnlich deftige Essen. Ich aber schon. Es machte ihm Spass, wenn mir sein Essen schmeckte. Er fütterte mich dann, wie man ein Baby füttert, und freute sich noch zusätzlich, weil er dann immer von der Uroma mehr nachgelegt bekam, als sonst.

Als UrOma starb, wurde er noch schweigsamer und mürrischer, als es sonst seine Art war.