Willi starb

Etwa drei Monate nach dem Tod meiner UrOma besuchte uns mein UrOpa zu Hause. Was ihn dazu getrieben hat, konnte ich nie ergründen. Für mich war es nur sehr komisch, diese Macht bei uns zu Hause zu haben. Mein Vater verblasste förmlich neben ihm, so empfand ich es jedenfalls.

Heute glaube ich allerdings, dass mein Vater ihm nur den Respekt entgegenbrachte, den er Alten gegenüber immer hatte, egal, ob sie ihn verdienten.

Meine Mutter hingegen behauptete danach immer, dass sich UrOpa von uns verabschieden wollte. Bis zu einer gewissen Grenze glaubte ich ihr auch. Denn bei diesem Besuch beschenkte er meine Eltern und mich mit Geld. Das war im höchstem Maße ungewöhnlich, da er ansonsten ein ausgemachter Geizkragen war.

Einen Monat danach lag auch er im Krankenhaus.

Ein Fuss musste amputiert werden. Ich denke heute, dass er Zucker hatte. Da er aber eine ausgeprägte Abneigung gegen Ärzte empfand, kann ich mir vorstellen, dass nie jemand eine Blutuntersuchung bei ihm vorgenommen hatte. Zumindest so lang nicht, bis er in das Krankenhaus kam.

Irgendwie glaube ich, dass auch er beschloss zu sterben. Und zwar so schnell, dass meine Mutti nicht die Gelegenheit bekam, rechtzeitig zu ihm ins Krankenhaus zu kommen. Sie bekam einfach keinen Urlaub.

Zwei Tage vor Weihnachten konnten wir zu ihm. Halb zehn vormittags kamen wir auf dem Bahnhof an. Halb elf kam dann die Nachricht vom Krankenhaus, dass er gestorben ist.

Ich weiss noch, wie ich im Wohnzimmer meiner Tante auf dem Sessel unter dem geschmückten Weihnachtsbaum saß und darüber nachdachte, warum er nicht noch drei Tage durchhalten konnte. Ich sah das ganze Weihnachtsfest flöten gehen und ich wusste nicht, ob ich den ersehnten Plattenspieler nun trotzdem bekam. Ich hatte ja 50 Mark dazu gegeben, aber so, wie meine Eltern tickten, wäre es durchaus denkbar gewesen, dass sie Weihnachten ausfallen ließen, wegen „Passt nicht“.

Die Hälfte von dem Geld kamen von seiner Spende und nun dachte ich, er gönnt es mir doch nicht, dass ich das Geld für sowas, wie einen Plattenspieler ausgab.

Wie doof man doch als Kind sein kann…

Obwohl ich stinksauer und wütend auf UrOpa war, vermisste ich ihn schon an dem Tag, an dem er starb. Und ich nahm die Mundi mit, ohne es jemanden zu sagen. Damals dachte ich noch, ich stehle. Aber es hat nie irgendwer danach gefragt. Fast 30 Jahre habe ich sie von einem Wohnsitz zum anderen mit geschleppt. Bis mein Sohn sie in die Finger bekam.

Danach war sie weg, …wie mein UrOpa.

An seiner Beerdigung habe ich nicht teilgenommen. Ich weiß nicht mehr, warum. Ich weiß nur noch, dass meine Mutter scheinbar mehr unter dem Tod ihres GroßVaters litt, als unter dem Tod ihrer GroßMutter.

Irgendwann verflog meine Wut.

Den Plattenspieler habe ich trotzdem bekommen. Nur freute ich mich nicht mehr so sehr darüber.