Wie Klara starb

Was soll ich sagen? Meine UrOma starb, wie sie gelebt hatte – still und bescheiden. Sie beschloß, das das Leben nicht mehr lohnte. Sie hatte oft zu mir gesagt, dass sie sich nur noch als Last betrachtete und dass sie den Herrgott jeden Morgen dafür ausschimpfte, weil er sie immer noch am Leben hielt.

Irgendwann hieß es, UrOma läge im Krankenhaus. Sie verweigerte jede Nahrung. Ihre Tochter Ruth, die hauptsächlich die Pflege der UrOma übernommen hatte, hat sich bis zu ihrem eigenen Ende Vorwürfe gemacht, weil ihre Mutter buchstäblich vor ihren Augen verhungerte.

Ich habe keine Ahnung, ob UrOma Krebs oder irgend etwas anderes hatte. Uns Kindern wurden solche Dinge nicht gesagt, und wir wagten nicht, zu fragen.

Ich glaube heute noch, dass sie wirklich nicht mehr wollte. Ich kann mich auch erinnern, dass ich nicht wirklich traurig über ihren Tod war. Ich spürte förmlich die Erleichterung, mit der sie gegangen war.

Natürlich war ich furchtbar traurig darüber, dass ich sie nun nie wieder sehen würde. Ich wusste, dass es nun nie wieder Nachmittage in ihrer Wohnküche geben würde, an denen wir gemeinsam die Pfennige zählten, die sie immer für mich in einer Zigarrenkiste sammelte. Zu jedem Pfennigturm, den wir bauten, gab es eine Geschichte, und – , … ich war wichtig.

War ich von nun ab noch irgendwem wichtig? Diese Frage stellte ich mir damals. Der reinste Blödsinn, ich weiss, da ich ja noch so viel Familie um mich hatte.

Während der Trauerfeier für UrOma dachte ich an den Schokoladenpudding, den sie mir immer gekocht hatte, an die Schaukel in ihrem Garten und an ihr einzigartig liebes Lächeln, mit dem sie mich immer begrüßt hatte. Und an die harte Hand, mit der sie mir immer so liebevoll über die Wange streichelte.

Außerdem machte ich mir Gedanken darüber, ob ein Rollstuhl vielleicht auch Flügel bekommt, wenn sein Mensch in den Himmel kommt, oder, ob der liebe Gott, an den UrOma so fest glaubte, ihr das fehlende Bein wiedergegeben hat. Ich fand die Vorstellung so schön, dass ich aus lauter Freude darüber weinte. Ich weinte vor Erleichterung, weil ich mir vorstellte, dass sie jetzt vor einem kleinen Haus auf einer Bank saß und nur darauf wartete, dass Menschen an sie dachten, die sie liebten. Ich dachte, heute, am Tag ihrer Beerdigung müsse sie besonders munter sein, weil ja alle an sie dachten. Wie in der Geschichte mit dem blauen Vogel, die sie mir immer erzählt hatte. Darin ging es auch darum, dass die Menschen, die gestorben sind, nur schlafen. Und immer dann, wenn jemand an sie denkt, werden sie munter und leben wieder.

Ich war ein sehr fantasievolles Kind.

Danach ging alles fast normal weiter. Nur, dass jemand fehlte.  Und ich musste öfters, als sonst, auf den Friedhof. Schon vor dem Tod meiner UrOma mochte ich diese Gänge nicht. Man musste zu einem Platz, wo ein Stein und schöne Blumen waren, musste einen Weg harken, wo eeh keiner lang lief und sollte auch noch artig sein. Das hieß, keine lauten Gespräche, keine Faxen, kein Lachen.

Für mich kam nun noch etwas dazu. Bisher hatte ich Gräber von Toten besucht und gepflegt, zu denen ich so gut wie keine Bindungen mehr hatte.

Nun stand da in Stein gemeißelt, dass meine UrOma tot war. Diese Manifestation riss mich aus meiner Fantasiewelt heraus.

Und darum hasse ich seit dem Friedhöfe.