Wie es weiter ging

Aber auch dieser Tag ging zu Ende, und ich hatte immer noch nicht um meinen Vater geweint.

Ich kam auch die nächsten drei Wochen nicht dazu. Meine Mutter machte vollkommen dicht. Meine Großeltern waren total verwirrt und Opa wurde so krank, dass ich schon wieder um sein Leben fürchtete.

Ich war also die einzige Ansprechpartnerin für die Firma meines Vaters, die sich selbstverständlich um die Beerdigung meines Vaters kümmerte.

Ich entschied einfach alles. Welche Blumen den Sarg schmücken sollten, wie der Sarg aussehen sollte, welche Musik zur Trauerfeier gespielt wurde, … alles. Meine Mutti unterschrieb nur, oder sagte: „Fragt meine Tochter.“

Ich war sechzehn und hatte über Nacht alle Säulen verloren, die mich bis dahin getragen hatten.

Alle waren mit sich selbst beschäftigt und verließen sich auf mich. Das ist kein Vorwurf und damals habe ich das so auch nicht empfunden.

So viele Menschen, die mir lieb sind und die mich kennen, sagen mir immer wieder, dass ich den Tod meines Vaters nie verkraftet habe. Ich denke, sie haben Recht und in diesen Wochen liegt der Ursprung dafür.

Zur Trauerfeier habe ich einen entscheidenden Fehler gemacht. Ich hatte bestimmt, dass die Trauergäste vor der Familie Platz nehmen sollten. Was für ein Irrsinn!

Stellt euch das mal vor. Die Feuerwehr stand seit Stunden und hielt Mahnwache am Sarg meines Vaters,… die kleine Friedhofskirche gefüllt, mit über 280 Menschen und zum Schluss kommen Mutti und ich, müssen bis nach ganz vorn, durch diese vielen Menschen und stehen dann da, vor Jörg, der nicht mehr ist.

Wer von euch so etwas irgenwann mal selbst organisieren muss, dem kann ich nur raten, verändert die Reihenfolge! Es war so schmerzlich, in diese Gesichter schauen zu müssen und die Trauer zu ertragen, die die Menschen trugen. Das machte die eigene Last nur noch noch schwerer.

Alles in allem hatte der Papa eine sehr schöne Trauerfeier. Sie hätte ihm gefallen! Ja wirklich! Es wurden ihm alle Ehren zuteil, die er verdiente.

Selbst der Leichenschmaus hätte ihm gefallen. Seine Kameraden begossen nämlich ganz gehörig diesen Tag und ich weiß, mein Vater wäre nicht anders gewesen, wenn es ihn nicht betroffen hätte.

Ich konnte das nicht ertragen und drängte meine Mutter nach Hause. Dort angekommen, konnte ich zum ersten Mal weinen.