Meine Eltern, Heidemarie und Jörg

Die beiden lernten sich unter sehr ungewöhnlichen Umständen kennen, jedenfalls für die damalige Zeit.

Mein Vater war Soldat in Königswusterhausen. Seine Kameraden drei Stuben weiter schalteten eine Annonce, um Mädchen kennenzulernen. Auf diese Annonce bekamen sie so viele Zuschriften, dass sie die Briefe, auf die sie nicht antworten wollten, einfach auf die Stuben der anderen Kameraden verteilten.

So bekam mein Vater den Brief meiner Mutter in die Hände.

Soviel ich weiß, dauerte es nicht lange, bis sie sich zum ersten Mal trafen und sie  verliebten sich sofort ineinander.

Alles weitere ging dann wohl auch sehr schnell. Sie lernten sich im September kennen, im Februar war meine Mutter mit mir schwanger, heiratete im Mai meinen Vater und zog einen Monat vor meiner Geburt zu den Eltern meines Vaters.

Über die näheren Umstände dieses rasanten Verlaufes hat meine Mutter immer geschwiegen. Und auch sonst redete niemand darüber.

Ich denke mir, dass ich ein Unfall am 20. Geburtstag meiner Mutter war.

Mein Vater war anständig genug, meine Mutter zu heiraten. Sie war froh, durch die Heirat in eine völlig neue Umgebung ziehen zu können und somit war das, damals so wichtige Ansehen auf beiden Seiten gewahrt.

Leicht hatten sie es am Anfang sicher nicht. Meine Mutter war verwöhnt, wie eine Prinzessin. Sie konnte nicht kochen und nicht wirtschaften. Meine Urgroßeltern hatten sie mit viel Liebe und Nachsicht überschüttet. Wahrscheinlich, um die verkorkste Kindheit auszugleichen.

Mein Vater konnte wohl mit einer so unselbstständigen jungen Frau und einem Baby nicht viel anfangen und gab uns vorerst in die Hände seiner Eltern. Er hatte seinen Dienst bei der Armee quittiert, unfreiwillig, wie ich später erfuhr. Er schob wieder 24-Stunden-Dienste bei der Berufsfeuerwehr.

So lernte meine Mutter von meiner Oma, was eine Hausfrau ausmachte. Ich bin froh, dass ich das alles nicht mitbekommen habe, denn ich weiß, meine Oma konnte sehr streng sein.

Irgendwie rauften sie sich aber doch zusammen. Meine erste Erinnerung an damals war unsere kleine 2-Zimmer-Wohnung. Die Toiletten waren draußen auf dem Hof, und es gab auch kein Bad. Ich hatte eine Spielecke in der Wohnküche. Es gab noch nicht einmal einen Flur. Wenn man zur Wohnungstür herein kam, stand man direkt in der Küche.

Trotzdem war ich glücklich dort. Wir wohnten mit vielen Familien zusammen in einer alten Fabrik, die nach deren Schließung in Wohnraum umgewandelt worden war. Das gab verborgene Ecken und Winkel, Nebengelass ohne Ende, dunkle Keller und unüberschaubare Abstell- und Trockenböden. Ein wahres Paradies zum Spielen für uns Kinder, ohne, dass wir den Hof verlassen mussten.