Klara

Meine UrOma Klara fiel mit ca. 60 Jahren die Kellertreppe herunter. Das muss so in den 60ern gewesen sein. Irgendein Arzt entschied, man könne sie nur retten, wenn man ihr das linke Bein amputiert. Das taten sie dann auch.

Kennt einer noch einen Rollstuhl aus dieser Zeit? Die Dinger waren unförmig, schwer und für denjenigen, der drin sitzen musste, kaum zu händeln. Und wer kannte damals schon den Begriff „Barierrefreiheit“?

Die Wohnung meiner UrGroßeltern befand sich im ersten Stock. Das bedeutete für Oma, dass sie die Wohnung nur unter großen Schwierigkeiten und nie ohne Hilfe verlassen konnte.

Ich habe sie geliebt.

Trotz aller Umstände war sie immer freundlich und liebevoll zu uns allen. Sie war ständig bemüht, niemanden zur Last zu fallen. Im Gegenteil, wenn wir sie besuchten, hatte sie auf jeden Fall unser Lieblingsessen gekocht und kleine Überraschungen bereit. Und sie wurde auch nie müde, sich mit mir zu beschäftigen.

Einmal war ich allein mit ihr und sie musste unbedingt mal auf Toilette. Der Rollstuhl passte nicht durch die Tür zur Toilette. Sie musste sich also aufstellen und sich mit meiner Hilfe über die Schwelle hiefen. Oma meinte, ich wäre kräftig genug, ihr dabei zu helfen.

Ich war elf.

Aus dem Rollstuhl raus, in die Toilette rein bekam ich sie einigermaßen gut. Auch das Ausziehen bekam ich noch ganz gut hin. Obwohl ich bis zu diesem Zeitpunkt noch nie einen erwachsenen Menschen für einen Toilettengang ausgezogen hatte.

Aber dann saß sie auf der Toilette… und ich bekam sie nicht mehr hoch.

UrOma machte das Beste daraus. Wir gaben alle Bemühungen auf, wieder in den Rollstuhl zu kommen. Sie hatte nämlich Angst, dass sie irgendwie ausrutschen oder umkippen und sich dabei verletzen könnte.

Ihr müsst euch vorstellen, die Toilette war nicht größer, als anderthalb Quadratmeter und diente außerdem noch als Aufbewahrungsraum für diverse Reinigungsutensilien. Die waren alle so aufgestellt und angebracht, dass UrOma sie erreichen konnte, wenn sie den Rollstuhl genau bis an die Türschwelle schob.

Sie blieb also auf der Toilette sitzen und bat mich, uns Limonade und Kekse zu holen. Das tat ich natürlich, schon darum, weil ich mittlerweile bitterlich weinte, weil ich nicht helfen konnte und froh war, wenigstens irgendwas tun zu können. Dann sagte sie, ich solle mich in den Rollstuhl setzen und wir würden uns jetzt einen schönen Nachmittag machen.

So saßen wir dann. Sie auf der Schüssel, ich im Flur im Rollstuhl… , und knabberten Kekse (Makronen, die mochte ich am meisten) und tranken Limonade.

Erst fand ich das ja so ein wenig eklig, denn bis dahin hatte ich noch nie jemanden auf Toilette essen oder trinken sehen. Ganz abgesehen davon, dass ich bis dahin, außer meine Eltern, noch nie einen Erwachsenen auf Toilette sitzen sah.

Und dann fing meine UrOma an, zu erzählen. Von früher, vom Krieg und was am Spannensten war – von meiner Mutter. Bei diesem Thema hatten wir einen Heidenspass. Eine ganz neue Welt tat sich vor mir auf, und ich erfuhr Dinge über meine Mutter, die sie mir sicher nie erzählt hätte.

Wir waren richtig traurig (ich jedenfalls, bei Oma glaub ich das weniger), als die Familie wieder nach Hause kam.

Aufregung, Tränen, Hektik ohne Ende!

Aber hier mein Tipp!

Solltet ihr jemals in eine solche Situation geraten… Genießt es!

Ich habe diesen Nachmittag nie vergessen. Es gab wenige Situationen, in denen ich mich meiner UrOma so nahe gefühlt habe.