Jörg

Es ist eine eigenartige Sache zwischen Vater und Tochter. Ich war ein sogenanntes „Vaterkind“. Sehr zum Leidwesen meiner Mutter.

Das praktischste Outfit für mich bestand aus Lederhosen oder robusten Textilien. Ich interessierte mich nicht für Mädchendinge. Viel lieber ging ich mit meinem Vater arbeiten. Und da er Elektriker von Beruf war, arbeitete er viel nebenbei. Handarbeiten und solche Dinge waren für mich ein Graus.

Jörg hatte sich zum Meister hoch gearbeitet. Weiter wollte er nicht gehen, damit konnte man zu DDR-Zeiten nichts verdienen.

Er war ein angesehenes Mitglied in der Gemeinde. Generationenübergreifend war er auch Kamerad bei der freiwilligen Feuerwehr, was uns erlaubte, die Wohnung im Feuerwehrhaus zu beziehen, wo schon meine Urgroßeltern gewohnt hatten.

Jörg war ein sehr disziplinierter und konsequenter Mensch. Was er einmal anfasste, brachte er auch zu einem guten Ende.

Es war ein sehr kalter Februar, damals 1982. In der Firma, in der meine Eltern schon seit Jahren gemeinsam arbeiteten, herrschte die alljährliche Hektik wegen der Generalreparatur der Maschinen. Jörg schob seit Tagen Doppelschichten in seinem Meisterbereich. Meine Mutter schrubbte Überstunden als Chefsekretärin beim Produktionsleiter.

Ich hatte Ferien und genoss die kurze stressfreie Zeit vor meinen Prüfungen bei meinen Großeltern. Abends war ich trotzdem immer zu Hause. So auch in der Nacht, in der im Ort die Buchhandlung brannte.

Wenn man in einem Feuerwehrhaus wohnt, hat man gewisse Pflichten. Als die Sirene los ging, war es mitten in der Nacht. Mutti und ich öffneten also die Tore zu den Fahrzeughallen. Jörg sprang in seine Feuerwehrkluft und bereitete die Fahrzeuge vor. Dann noch das übliche Telefonat zur Zentrale, um zu erfahren, wo es brannte und schon war der erste Einsatzwagen unterwegs.

Wer sich in diesem Bereich ein wenig auskennt, weiss, dass es bei Minusgraden durchaus möglich sein kann, dass die Wasserhydranten zugefroren sind. So war es auch in dieser Nacht. Die Männer waren gezwungen, die Schläuche bis zum ca. 300 Meter entfernten Mühlgraben zu legen, um Wasser zum Löschen zu bekommen.

Das war natürlich sehr anstrengend und außerdem noch fast sinnlos, da die Buchhandlung brannte, wie eine Fackel, was ja auch kein Wunder war.

So konnte die Feuerwehr sich nur noch auf die Schadensbegrenzung konzentrieren, indem sie die anliegenden Wohnhäuser vor dem Brand schützte, so gut das in diesem Fall möglich war.

Nach dem Löschen des Brandes und nachdem die Fahrzeuge wieder in der Halle und die Tore geschlossen waren, zeigte die Uhr 4.30 Morgens an. Meine Eltern beschlossen auf zu bleiben und in Ruhe zu frühstücken, bevor sie wieder zur Arbeit fuhren. Mich schickten sie ins Bett.

Es war der letzte Morgen, an dem ich meinen Vater sah.