Jörg, sein Tod

Als ich morgens um 8.00 Uhr am Frühstückstisch meiner Großelten saß, wusste ich noch nicht, dass mein Papa nicht mehr lebte und meine Großeltern ihren mittleren Sohn verloren hatten.

Zu diesem Zeitpunkt war unsere Welt noch in Ordnung…, und sollte eineinhalb Stunden später unwiederbringlich einstürzen.

Ich saß im Wohnzimmer, als ich draußen Stimmen hörte und dann einen Schrei, der mir durch Mark und Bein ging. Im ersten Moment dachte ich, es wäre jemand gestürzt, aber als ich auf den Flur kam, waren da jede Menge Menschen.

Meine Mutter saß zusammen mit meiner Oma in der Küchentür und schrie unverständliche Worte. Immer, wenn Oma sie anfassen wollte, schlug sie um sich.

Mein Opa hatte den Chef meines Vaters am Schlawittchen, und ich dachte noch, … was machen die alle hier? Und wieso wollen die sich schlagen?

Die Frau vom Chef der Firma lehnte mit ausgebreiteten Armen an der Wand und weinte bitterlich.

Ich dachte, meine Mutter wäre auf einmal durchgedreht und rannte deshalb zu ihr hin. Aber sie schlug selbst nach mir, und bevor sie mir weh tun konnte, hob mich Papa’s Chef von ihr weg und drückte mich an die Wand.

Und dann sagte er: „Dein Vater ist tot.“

Ich habe bis dahin gedacht, dass, wenn jemand behauptet, die Beine hätten unter ihm nachgegeben, dieser Jemand absoluten Blödsinn erzählt. Wie sollte so was wohl gehen?

Es geht, glaubt mir. Ich verlor mit einem Schlag sämtliche Lebenskräfte und sackte so schnell in mir zusammen, dass noch nicht mal Papa’s Chef mich auffangen konnte.

Und wie ich so im Flur meiner Großeltern saß, wich die Welt vor mir zurück und wurde durchsichtig. Es war, als wäre ich in einem Kino. Ich kannte die Darsteller, aber begriff den Film nicht. Ich hörte Worte, die ich nicht verstand und sollte Dinge tun, die mir absurd vorkamen. In die Küche gehen?, Mich hinsetzen?, Zu meiner Mutter gehen?, Mich anfassen lassen?, Mich nicht so furchtbar aufregen?, … Ich war überhaupt nicht aufgeregt. Ich verstand einfach nicht, was da gerade passierte.

Es war still um mich.

Was in den nächsten drei oder vier Stunden gesagt und getan wurde, nahm ich nicht mehr wirklich wahr. Ich fühlte keine Trauer, keinen Schmerz, überhaupt nichts.

Die Wohnung meiner Großeltern füllte sich immer mehr mit Menschen und ich verstand nicht, was die plötzlich alle von uns wollten. Das erste Mal munter wurde ich, als mich meine Oma in den Kindergarten schickte, meine Cousine abzuholen. Ich hatte versprochen, das zu tun, und die Zeit war ran.

Ich weiß noch, wie mich die Kindergärtnerin fragte, was denn mit mir los sei.

Ich sagte nur: „Nichts!“