Hermann

Mein Großvater erkrankte mit ca. Ende 70 an Demenz.

Nur nannte man das damals noch nicht so. Damals hieß es, er wäre senil. Die Veränderung ging sehr schleichend vor sich und anfangs bemerkte es nur meine Großmutter. Später erzählte sie mir, dass sie es bemerkte, als er immer öfter verwirrt nach Hause kam, und nicht mehr wußte, warum er los gelaufen war. Oder, er vergaß, wo sich der Ort befand, zu dem er gehen sollte.

Einmal fuhr er mit seinem Fahrrad zu einem Geschäft und kam mit einem vollkommen fremden Fahrrad zurück. Oma war entsetzt. „Da wird dieser alte Narr auf seine alten Tage noch zum Dieb.“, das waren ihre Worte.

Nun, so schlimm war es dann doch nicht. Oma brachte das Fahrrad zurück und alles war wieder gut. Gott sei Dank, wohnten wir in einem kleinen Ort und unsere Familie war bekannt, wie ein buntgescheckter Hund. Es war leicht, den Besitzer des Fahrrades ausfindig zu machen.

Als nächstes vergaß Opa immer öfter unsere Namen. Auch die Spiele, die er sonst immer so gern beim Spiele-Abend der Feuerwehrsenioren spielte, kannte er nicht mehr.

Oma ließ ihn nicht mehr gern allein. Sie schickte ihn auch nicht mehr zum Einkaufen und begleitete ihn, wo immer er auch hin gehen musste.

Und dann geschah das Unglück. Meine Oma brach sich den Fuß und musste ins Krankenhaus. Da es ein offener Bruch war, verlief die Heilung nicht gut, da Oma damals schon an Diabetis litt.

Es gab niemanden in der Familie, der sich so um Opa kümmern konnte, wie es für ihn notwendig war. Meine Mutter war die Einzigste von uns, die noch im Ort wohnte. Sie ging damals täglich bis 17 Uhr arbeiten. Ich wohnte 30 km entfernt, mein Sohn war gerade ein Jahr alt und ich ging wieder voll arbeiten. Den Rest der Familie interessierte es nicht, wie es Opa ging, oder sie wohnten auch weit weg, oder konnten nichts mehr tun.

Die Frau meines Onkels beschaffte nach drei Wochen postwendend einen Platz für meine beiden Großeltern im Pflegeheim und beschleunigte damit Opa´s Tot.

Für ihn bedeutete die regelrechte Einweisung, dass er plötzlich und ohne meine Oma seine Heimat verlassen musste und in eine, ihm vollkommen fremde Umgebung gesteckt wurde.

Das gab ihm den Rest. Als ich ihn das erste Mal im Pflegeheim besuchte, lag er fixiert und sediert im Bett in einer geschlossenen Station und sprach kein Wort. Er schaute mich nur an, wie ein waidwundes Tier.

Ich war fassungslos.

Vom Pflegepersonal erfuhr ich nur, dass er randaliert hätte und aggressiv wurde. Deshalb hätte man ihn ruhig stellen müssen.

Ich fuhr schnurstracks zu meiner Oma ins Krankenhaus und erzählte ihr, wie ich den Opa vorgefunden hatte. Wir weinten beide bitterlich.

Am nächsten Tag bekam ich einen Anruf aus dem Pflegeheim. Man teilte mir mit, dass meine Oma eingetroffen war und mich sehen wollte. Damals hatte ich noch kein Telefon zu Hause. Das Pflegeheim rief also auf meiner Arbeitsstelle an. Ich machte umgehend Feierabend und fuhr zu meinen Großeltern.