Hermann, Fortsetzung und Ende

Was mich dort erwartete, traf mich, wie ein Schlag.

Meine Großeltern befanden sich in einem Zimmer, das kaum mehr, als 6 Quadratmeter hatte. Rechts und Links stand jeweils ein Bett. Links saß Opa, rechts saß Oma. Unter dem Fenster stand ein Tisch aus tiefsten DDR-Zeiten mit zwei Stühlen gleicher Abstammung. Ein Waschbecken und ein Spind rundeten die Einrichtung ab.

Am vergitterten Milchglas-Fenster fehlte der Griff.

Die Tür zum Zimmer hatte ein Oberlicht ohne Scheiben. Gnädigerweise hatte man einen Vorhang davor gespannt. Aber man konnte im Zimmer jedes Wort vom Flur hören. Auch hier fehlte der Griff von innen.

Als meine Großeltern mich und meinen Sohn sahen, begannen sie zu weinen. Beide senkten den Kopf und weinten in ihren Schoß.

Ihr macht euch keine Vorstellungen, wie mich dieses Bild traf. Wäre ich ein Künstler, ich könnte es heute noch malen. Mir zitterten die Knie und ich hatte keine Ahnung, was ich jetzt tun sollte.

Trösten musste ich, Hoffnung spenden und Licht in diesen abscheulichen Raum bringen.

Also setzte ich meinen anderthalbjährigen Sohn auf den Schoß seiner Uroma, wo er aus besten Kräften mit weinte und nahm auf der anderen Seite meinen Opa in den Arm und weinte mit ihm zusammen aus besten Kräften.

Oma und mein Sohn Martin beruhigten sich als Erste. Also schnappte ich Martin und setzte ihn zu Opa auf das Bett, um meine Oma in den Arm nehmen zu können.

Irgendwann kamen wir alle wieder zu uns, … und zu mir kam Wut.

Als nächstes bereitete ich der Pflegedienstleitung und mein Sohn der Stationsleitung zwei sehr ungemütliche Stunden. Martin brüllte die ganze Station zusammen, als ich ihn mit meinen Großeltern allein ließ. Oma ließ ihn auch brüllen. Sollten doch alle hören, was los war. Die armen kranken und verwirrten Menschen, die sich noch frei auf der Station bewegen durften, standen irgendwann alle vor dem Zimmer meiner Großeltern und weinten genauso wie wir, vorher im Zimmer.

Ich brüllte auch- und zwar die Pflegedienstleitung an. Ich weiß nicht mehr genau, was ich damals sagte, machte und womit ich drohte. Nur an die letzten Sätze kann ich mich erinnern. Die Pflegedienstleiterin nahm nämlich das Telefon in die Hand und schrie mich an, wenn ich mich jetzt nicht beruhige, dann würde sie die Polizei holen. Ich riss den Apparat aus ihrer Hand und vom Schreibtisch und brüllte zurück, dass ich das sofort selbst besorgen  und dann noch eine Reihe Journalisten dazu holen würde.

Dann rannte ich zum Zimmer hinaus und schlug die Tür hinter mir zu, dass der Putz von der Wand fiel.

Ich war fest entschlossen, meine Großeltern zu packen und sie mit nach Hause zu nehmen.

Ich konnte später nie nachvollziehen, was passierte, als ich auf Station die Sachen meiner Großeltern packte, meinen Sohn beruhigte und Oma und Opa beim Anziehen half.

Plötzlich stand ein Mann im Zimmer und bat uns alle, noch einmal Platz zu nehmen. Ich nehme mal an, es war ein Psychologe. Aber da er sich nur mit seinem Namen vorstellte, kann ich es mit Sicherheit nicht sagen.

Auf jeden Fall redete er vor allem mir gut zu und versprach mir, dass meine Großeltern am nächsten Tag ein schönes Zimmer auf einer anderen Station bekämen, das wir sogar mit ihren Möbeln einrichten könnten und einen Antennenanschluss für den Fernseher hätte. Ich glaubte ihm nicht, aber jetzt redete mir auch die Oma zu. Sie meinte, dass sie dieses Angebot gern annehmen möchte. Ich hätte so schon genug um die Ohren und sie bräuchte immer noch Pflege, und der Opa erst recht.

Das sah ich ein. Ich verlangte von diesem Mann, dass meine Großeltern sofort in ihr neues Zimmer kamen, sobald es am nächsten Morgen her gerichtet war. Er versprach es mir in die Hand.

Und nachdem ich ihm bedeutet hatte, dass ich ihn bis in die letzte Instanz verklagen würde, wenn er sein Versprechen nicht hielt, kam auch ich wieder runter.

Ich wachte dann noch darüber, dass Oma und Opa ein ordentliches Abendessen bekamen und half danach beiden ins Bett.

Martin schlief bis dahin schon lange in Oma´s Bett. Ich wickelte ihn vorsichtig in eine Decke ein, die ich im Spind fand und wollte einfach nur noch nach Hause. Auf dem Flur hielt mich eine Schwester an, die mir erklärte, dass die Decke dem Pflegeheim gehört und ich sie nicht einfach mitnehmen könne.

So leise und so eindringlich es mir möglich war, erklärte ich dieser hirnrissigen Dame, dass ich sofort das Kind munter machen, ihn aus der Decke holen und mit der selben auf sie einschlagen würde, bis die Decke sich in ihre Bestandteile auflöste.

Sie ließ uns gehen.