Gerda und der große Unbekannte

Von der Mutter meiner Mutter weiß ich nicht viel.

Willi und Klara hatten, wie schon beschrieben, vier Kinder. Zwei waren anständig geraten, zwei waren nicht anständig geraten.

Zu letzteren gehörte meine Oma Gerda. Ich habe sie ca. zehn Mal im Leben gesehen. Sie trank und machte dem gutem Ansehen meiner anhaltinschen Familie immer wieder schwer zu schaffen. Das tat sie, indem sie, meist haltlos betrunken, zu den unmöglichsten Zeiten im Wohnort ihrer Eltern und der gut geratenen Tochter auftauchte und lautstark randalierte, wenn sie niemand herein ließ.

Mir hatte meine Mutter einen fast unüberwindbaren Hass auf ihre Mutter eingepflanzt. Grund genug dazu hatte sie sicherlich, denn bis meine Urgroßeltern sie adoptierten, war meine Mutter durch die Hölle gegangen.

Der Ruf ihrer richtigen Mutter haftete ihr auch immer an, egal, wie gut sie sich benahm und wie anständig sie sich entwickelte.

Ich brauchte viele Jahre und eine wirklich eindringliche Dokumentation, die ich im Fernsehen sah, bis ich meine Gedanken auch in eine andere Richtung lenkte.

Nicht das Trinken war der Makel, der Gerda anhaftete, sondern, dass sie meine Mutter mit einem amerikanischen Besatzungssoldaten gezeugt hatte. Das Trinken kam sicher als Antwort auf die Behandlung, die Gerda widerfuhr, als dies bekannt wurde.

Nach dem Wenigem, was ich durch hartnäckige Fragen erfuhr, schien sie sich keine große Mühe gegeben zu haben, die Beziehung zu diesem Soldaten zu verheimlichen. Das trug sicher nicht dazu bei, dass die Familie auf die Tatsache, dass auch noch ein uneheliches Kind zur Welt kommen sollte sonderlich erfreut reagierte.

Immer, wenn ich jemanden zu diesem Thema zum Reden brachte, hörte ich mir nur Schimpfkanonaden und Hasstiraden an.

Es war auch nicht in Erfahrung zu bringen, wie der Mann hieß und in welcher Einheit er war. Die gute Tochter und meine Urgroßeltern wussten diese Einzelheiten zwar, hielten sie aber bis zu ihrem Tod geheim.

Und Gerda fragte niemand. Weder ich, noch meine Mutter.

Wie Gerda starb, weiss ich nicht. Wir erfuhren von ihrem Tod durch einen Notar, der mit dem Erbe betraut wurde.

Meine Mutter schlug das Erbe selbstverständlich aus und zwang auch mich, dies zu tun, auch für meinen Sohn. Ich tat es, obwohl ich nicht wirklich mit diesem Vorgehen einverstanden war.

Sehr viele Jahre später sah ich eine Dokumentation darüber, wie die Menschen nach Kriegsende mit sogenannten „Besatzerflittchen“ umgingen. Das war furchtbar! Und so langsam kamen mir Zweifel an dem, was da alles erzählt worden war. Einmal konfrontierte ich meine Mutter mit meinen Überlegungen und ich bin mir sicher, dass auch sie darüber nachdachte. Aber sie lebte damals schon über 50 Jahre mit diesem Hass. Bei ihr war kein Umdenken mehr möglich, zumal sie ein gutes Stück der Mansfelder Sturheit in sich trug.

Bezeichnend war, dass Gerda am Geburtstag meiner Mutter starb.

„Jetzt bin ich auch noch gezwungen, bis an mein Lebensende immer an sie zu denken. Und noch dazu immer an meinem Geburtstag.“, war der Kommentar meiner Mutter, als die Nachricht uns erreichte.

‚Ja, ich auch!‘, setzte ich in Gedanken hinzu.