Else

Meine Oma fügte sich in ihr Schicksal, so, wie sie es immer getan hatte – mit einem lachendem und einem weinendem Auge. Klar war, dass sie den Opa an ihrer Seite vermisste. Sie waren schließlich 64 Jahre miteinander verheiratet gewesen. Trotzdem, sie war froh, dass er nicht mehr leiden musste.

Sie selbst fügte sich schnell in das neue Leben ein.

Schon vor Jahren, als noch niemand an solche Dinge dachte, hatte sie mir mal gesagt, dass sie in ein Altenheim gehen wolle, wenn der Opa mal nicht mehr wäre. Dort sei sie versorgt und müßte sich um nichts mehr kümmern, und …, sie würde niemanden zur Last fallen. Das waren ihre Worte.

Schon damals trafen mich ihre Worte bis ins Innerste. Da hatte diese Frau drei Söhne durchgebracht und immer an der Seite ihres Mannes gestanden, und ich wusste, es wäre so. Keiner wollte mehr für sie da sein. Ich wollte schon, aber das wiederum,  wollte sie nicht.

Na ja, auf jeden Fall trat Oma der Küchenkomission des Heimes bei und verhinderte unter anderem Spaghetti Bolognese auf dem Speiseplan. „Bolognese, …was ist das denn für ein Blödsinn?“, fragte sie, als sie mir davon erzählte. „Die sollen uns Alten Tomatensoße mit Jagdwurst geben, das kennen wir, und das essen wir auch.“

Sie verhinderte auch so alberne Sachen, wie Linsenbilder legen. Sie meinte, man sollte doch nicht so tun, als ob die Alten hochgradig verblödet wären. Eine echte Aufgabe bräuchten sie, das wäre das Einzigste, was helfen würde.

Alles hat sie nicht durch gebracht, aber es gab, Dank meiner wehrhaften Oma, Ausflüge mit dem Bus. Und freie Nachmittage für die Bewohner der geschlossenen Station im Garten des Heimes.

Einmal stritten wir uns. Ich weiss nicht mehr, worum es ging. Irgendwann kam ich auf Station und die Schwester wies mich ab, mit den Worten, Oma wolle niemanden mehr sehen.

Ok, dachte ich, dann eben nicht. Ich drehte mich um und ging. Was für eine Überheblichkeit, was für eine Sturheit? Sicher, ich war ein Sprößling dieser Familie und sie hatten es mir vorgelebt…

Oma hatte Brustkrebs. Man nahm ihr die linke Brust ab und sie war allein. Niemand sah nach ihr, niemand besuchte sie. Ganz allein stand sie das durch.

Irgendwann stand eine Schwester aus dem Heim vor meiner Wohnungstür. Sie wolle nicht lästig fallen, aber es würde Oma gut tun, wenn mal irgendwer nach ihr schauen würde.

Bis heute schäme ich mich aus tiefsten Herzen für diese zehn Wochen, in denen ich nicht für sie da war.

Ich ging am nächsten Tag zu ihr. Nicht allein, dazu war ich zu feige.

Meine Mutter musste mit, denn sie war ja noch die Einzigste neben mir, die überhaupt Anteil nahm am Leben meiner Oma.

Sie duldete auch keine Entschuldigung, und die Standpauke, die wir uns anhören mussten, war nicht nur berechtigt, sondern auch angebracht.

Wir haben nie aufklären können, wie es zu diesem Mißverständnis kam.

Ich war aber sehr, sehr froh, dass wir uns wieder verstanden.