Else, und wie alles endete

Oma überlebte den Brustkrebs ca. drei Jahre und erfreute sich dabei bester Gesundheit. Im Sommer, bevor sie starb, bat sie mich, dass ich sie noch einmal zu allen noch lebenden Verwandten fuhr.

Ich besaß damals einen Honda Civic,metalic schwarz, mit Aluminiumfelgen. Ein geiles Geschoss, sage ich euch! Meine Oma war 1,62 m groß und versank im Beifahrersitz. Sie konnte kaum über das Cockpit schauen und als ich ihr sagte, dass wir jetzt 160 km/h fuhren, richtete sie sich kurz auf, und sagte nur, dass man das überhaupt nicht merkte und ich solle nur schön vorsichtig sein.

Es war ein schöner Tag.

Dann fuhr ich in den Urlaub und als ich zurück kam, fand ich eine vollkommen veränderte Oma vor. Sie war noch klar bei Verstand, konnte und wollte aber nicht mehr aufstehen. Sie wies mich an, ihre Börse an mich zu nehmen, die sie unter ihren Sachen versteckt hielt. Es waren 198 D-Mark darin, die sie von ihrem Taschengeld gespart hatte. Sie unterschrieb mir sogar, dass ich sie von ihr erhalten hatte. Das war auch notwendig, denn sie kannte ihre raffgierige Verwandschaft, genauso gut, wie ich.

Ab diesem Tag ging es stetig bergab und Oma vergrub sich immer mehr in der Vergangenheit. In der Gegenwart lebte sie schon nicht mehr wirklich, und wenn doch, war sie nicht mehr klar bei Verstand.

Einmal kam ich zu ihr und sie war ganz aufgeregt. Krampfhaft hielt sie Daumen und Zeigefinger zusammengepresst in die Höhe und erzählte, die Schwestern hätten ihr eine Nähnadel ins Bett gelegt, an der sie sich den ganzen Tag gestochen hätte. Aber nun wäre ich ja da und könne sie in den Nähkaste tun. Natürlich nahm ich ihr ganz sanft die eingebildete Nadel aus der Hand und brachte Nichts in den Nähkasten.

Ein anderes Mal saß sie aufrecht im Bett und meinte, die Vorhänge an der Tür wären total falsch angebracht. Ich richtete sie nach ihren Anweisungen, bis sie zufrieden war.

Dann wieder fand ich sie bitterlich weinend vor, vor Angst zitternd, und sie erzählte, dass die Männer alle weg wären um den großen Brand zu löschen. Ich wusste, dass sie ihre beste Freundin bei einem Bombenangriff und dem, damit entstandenen Brand verloren hatte.

Für mich war es schlimm, dass ich wieder hilflos zusehen musste, wie ein geliebter Mensch vor meinen Augen verging. Damals dachte ich schon, dass der Tod eigentlich eine Erleichterung für den Sterbenden sei, denn…, wenn Oma noch klar bei Sinnen gewesen wäre, hätte sie diesem, für sie, unwürdigem Sterben, selbst ein Ende gesetzt.

Ich tat, was ich tun konnte. Ich verhinderte, dass ihr eine Magensonde gesetzt wurde, als sie nicht mehr essen wollte. Das tat ich, indem ich jeden Abend zu ihr kam, und versuchte, sie zu füttern. Wenn sie garnicht mehr wollte, schluckte ich das Zeug selbst hinunter. Ich wollte nicht, dass man sie weiter quälte. Es tat mir schon leid, dass ich es Morgens und Mittags nicht verhindern konnte.

Ich verhinderte auch, dass sie zum Ende noch einmal in ein Krankenhaus kam. Und ich bewilligte, dass sie Morphium bekam.

Irgendwann duselte sie hinüber, meine kleine Oma.

Ich schaute mir noch an, wie meine Onkels plötzlich den Weg ins Pflegeheim fanden, die Papiere sicherten und selbst die Musikkassetten einpackten, und dann war ich fertig, mit diesem Teil der Familie.

Bis heute.

Oma ließen wir in unserem Familiengrab bestatten. Dort lag sie dann bei ihrem Mann und ihrem mittleren Sohn, bis die Pacht abgelaufen war und ihr jüngster Sohn sich weigerte, weiter zu bezahlen.