Ein Tag, ohne Ende

Als ich mit meiner Cousine nach Hause kam, saßen im Wohnzimmer wieder jede Menge Menschen. Nur sahen sie jetzt nicht so sehr aus, wie Arbeitskollegen und Familie, sondern wie Kameraden, Freunde und Familie.

Zu diesem Zeitpunkt wusste ich immer noch nicht, was eigentlich geschehen war. Und irgendwie war es mir auch egal, denn was ich unmißverständlich realisiert hatte, war, dass mein Vater tötlich verunglückt war.

Ich verkroch mich in ein leeres kaltes Zimmer und lauschte den Stimmengemurmel, das aus dem Wohnzimmer zu mir drang. Ich hörte auch immer wieder Leute kommen und gehen. Und ich sah zu, wie der Tag dunkel wurde.

Irgendwann setzte sich jemand neben mich. Ich erkannte den besten Freund meines Vaters. Seine Augen waren vom Weinen rot und er sagte keinen Ton.

„Mein Papa…“, sagte ich nur. Er nickte und nahm meine Hände in die seinen. Das fühlte sich irgendwie tröstlich an, so dass ich mich an ihn lehnte. Und dann begann er zu reden.

Damals und bis heute weiß niemand, wie der Unfall wirklich geschah. Jörg war auf einem letztem Kontrollgang auf dem Dach des Maschinenhauses. Dort standen elektrische Filter, die nach der Generalreparatur im Probelauf fuhren. Man vermutete, dass Jörg irgend etwas gesehen haben muss, was nicht in Ordnung war. Zu müde, oder zu leichtsinnig, oder auch nur zu faul (ja, vielleicht auch das! Obwohl ich mir das nicht vorstellen konnte) die ca 200 Meter bis zum nächsten Telefon zu gehen, wo er die Schaltwarte um Abschaltung hätte bitten können, ging er wohl an die laufenden Maschinen. Diese wurden mit 40.000 Volt betrieben und erzeugten ein Magnetfeld. Alle vermuteten, dass er mit dem Schraubendreher irgend etwas fest schrauben wollte, dabei abrutschte und in das erzeugte Magnetfeld kam.

Es gab wohl Menschen, die einen solchen Unfall überlebten, weil sie von diesem Magnetfeld abgestoßen wurden. Sie verloren dabei zwar den Arm, saßen im Rollstuhl oder hatten einen Hirnschaden, …aber sie überlebten.

Jörg nicht. Er wurde in das Feld hinein gezogen. Die Strom-Eintrittsmarke war an der rechten Handfläche, die Strom-Austrittsmarke am linken Hinterkopf. Helm und Schraubendreher fand man später im Aschekeller.

Man hat auch eine dreiviertel Stunde lang versucht, ihn wieder zu beleben, wider besseren Wissens und jeder Aussicht auf Erfolg. Es gab Fotos von ihm, die ich nie gesehen habe. Ich erwähne sie nur, weil ich irgendwann an der Wiederbelebung zweifelte.

Mein Vater selbst hatte mir einmal erzählt, dass er schon Menschen geborgen hatte, die einem solchen Stromschlag erlagen. Sie waren innerlich verbrannt und auf die Hälfte ihrer Körpergröße geschrumpft.

Wie auch immer, ich wehrte mich vehement und erfolgreich dagegen, dass mein Vater aufgebahrt wurde. Also kann ich euch nicht sagen, ob er wirklich noch ganz war, nach dem Unfall.