Traurige Pflichten

Wir taten alles, wovon wir dachten, dass es richtig wäre. Wie ehrten Heidi, indem wir sie in einen Zustand versetzten, von dem wir annahmen, es hätte ihr gefallen. Wir zündeten eine Kerze an und bedankten uns bei ihr für alles, was sie uns Gutes getan hatte; zu ihren Lebzeiten und darüber hinaus.

Nun hatten wir als nächstes die staatliche Seite ihres Ablebens zu bewältigen. Und das war mehr, als schmerzvoll.

Kurz nach siebzehn Uhr verstarb meine Mutti. Um 19 Uhr verständigten wir einen Notarzt. Der kam dann auch so gegen 23.30 Uhr. Fasst euch also in Geduld, falls ihr jemals in eine solche Situation kommen solltet.

Sie kamen zu zweit. Als erstes wollten sie Heidi sehen und wir führten sie zu ihr. Es war ja noch nicht einmal schlimm, dass keiner der beiden Ärzte kondolierte. Die Fragen, die sie nach der Leichenbeschau stellten (sicher auch stellen mussten), waren sehr viel schlimmer. In meinem Gemütszustand verstand ich nur, dass diese wildfremden Männer die Möglichkeit abcheckten, ob ich nicht meiner Mutter eventuell hinüber geholfen hätte. Das ließ mich immer wütender werden.

Bevor mich mein Jähzorn ernstlich in Schwierigkeiten bringen konnte, lenkte einer der beiden Ärzte ein. Mein Mann hatte ihn kurz vorher schon angestoßen und scheinbar erkannte er die Zeichen. Er entschuldigte sich plötzlich für sein Vorgehen und erklärte mir, warum sie sich so verhielten.

– Deutschland, Deine Gesetze! – Man kann echt irre werden.

Aber vernünftigen Argumenten gegenüber bin ich fast immer offen. Er erklärte mir nämlich, dass die Medikamente, die wir im Haus hatten, jeden, wie auch immer gearteten Junkie, in Extase versetzen würde. Und welche Auswirkungen sie haben, wenn man die Dosierung nicht einhält.

Glaubt mir, oder lasst es bleiben. Bis dahin hatten wir nicht einen einzigen Gedanken in diese Richtung verschwendet. Im Gegenteil, immer, wenn wir merkten, dass die Wirkung nachließ, oder auch verstärkt wurde, waren wir sofort am Telefon, um uns vom Hospiz beraten zu lassen. Im Notfall kam sogar ein Arzt vorbei und brachte andere Medikamente.

Zum Glück führten wir penibel eine Liste, wann wir Heidi welches Medikament gaben. Die hatten wir aber für uns angelegt, um nicht durcheinander zu kommen. Keiner von uns hätte geglaubt, dass sie einmal notwendig wäre, um unsere Glaubwürdigkeit zu beweisen.

Wir mussten tatsächlich eine Kopie ziehen, die die Ärzte zu ihrem Papierstapel legten. Ich hatte am Ende schon das Gefühl, dass sie uns noch die Polizei ins Haus holen. Das ist uns dann aber erspart geblieben.

Als wir die Beiden dann zur Wohnung hinaus begleiteten, war es mir zum erstem Mal in meinem Leben nicht möglich,  Menschen mit einem Handschlag zu verabschieden. Ich übersah ihre Hände geflissentlich. Und als sie mir den Rücken zudrehten und auf dem Treppenansatz standen, war ich für ein paar Sekunden in der Versuchung, ihnen mit einem kräftigem Tritt in den Hintern ein wenig schneller hinunter zu helfen.

Ich hab es nicht getan.

Aber ich bin heute noch überzeugt davon, dass es MIR gut getan hätte.

Es ist schon ein Jammer, was einem in einer solchen Situation von staatswegen zugemutet wird. Er fragt nicht danach, wie man zurecht kommt, wenn man einen Menschen zu Hause bis zum Tod begleitet. Er nimmt sich aber das Recht heraus zu fragen, ob man auch wirklich die Gesetze eingehalten hat.

Den Termin vom Amtsarzt, der die Pflegestufe für Heidi feststellen sollte, bekamen wir eine Woche nach ihrem Tod.

 

 

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