Abschied nehmen

Wie nimmt man Abschied von einem geliebten Menschen?

Ich war im ersten Moment geschockt. Auch wenn ich mich über Monate hinweg auf diesen Augenblick vorbereiten konnte, trafen mich die lange vergessenen oder verdrängten Gefühle sehr unerwartet. Mir wurde wieder bewusst, wie furchtbar unwiederbringlich der Tod ist.

Meine Trauer um den Verlust, meine Angst vor dem Leben ohne meine Mutti, meine Hoffnungs- und Mutlosigkeit waren nichts im Vergleich zu dem Wissen, dass wirklich alles vorbei war. Ich sah sie ja noch, hielt noch ihre Hände und konnte noch ihre Wärme spüren.

Wir saßen die erste Stunde an ihrer Seite, ohne ein Wort zu sagen. Es ist sehr schwer in Worte zu fassen, was in dieser Zeit in mir vorging.

Langsam kamen wir wieder zu uns. Wir fragten uns, was wir jetzt tun sollten.

Nein, es machte uns nicht ratlos, wie wir die Maschinerie in Gang setzen sollten, die in diesem Land notwendig ist, wenn man einen verstorbenen Menschen zu Hause hat. Darauf waren wir bestens vorbereitet. Wieder Dank des Brückenteams, dass auch dieses Thema mit uns besprochen hatte. Wer weiss schon, dass man den Arzt frühestens zwei Stunden nach dem Ableben anrufen soll? Eher kommen die sowieso nicht. Oder dass es Fristen gibt, wie lange man einen toten Menschen zu Hause haben darf. Da Mutti an einem Sonnabend gestorben war, durften wir sie sogar noch länger bei uns behalten. Was für ein Irrsinn. Wie schon geschrieben, diese Dinge waren uns klar.

Worüber wir uns wenig oder gar keine Gedanken gemacht hatten war, was in der Zwischenzeit mit Heidi geschehen sollte. Ich wusste aus Erzählungen, dass es früher üblich war, die Toten zu waschen und frisch anzukleiden. Das hielt ich für einen guten Gedanken. Ich hätte sowieso nicht gewollt, dass sie irgend jemand in ihrem Nachthemd und mit Windeln sah.

Also wuschen wir Heidi. Ich hätte nie gedacht, dass ich so etwas könnte, aber es war gar nicht so schlimm. Ich hatte dabei immer das Gefühl, ich würde ihr etwas Gutes tun. Danach bezog ich das Bett noch einmal frisch.

Dann zogen wir ihr die Sachen an, die sie vierzehn Tage vorher noch selbst gekauft hatte.

(Das war ein sehr anstrengender Tag für sie gewesen, aber sie wollte unbedingt etwas Neues zum Anziehen. Wir hatten nämlich Konzertkarten, und sie hoffte inständig, dass sie es noch bis zum Konzert schaffen würde. Nun gut, das klappte nun nicht mehr. Aber ich denke, sie hat sich darüber gefreut, dass sie die Sachen dann doch noch tragen konnte.)

Zum Schluss kämmte ich ihr noch die Haare und dann bedeckten wir sie mit einem Laken.

Ich habe keine Ahnung, ob das alles so richtig war. Es fühlte sich jedenfalls richtig an.

Ich war auch nie sonderlich abergläubig, trotzdem machte ich in allen Zimmern das Licht an, öffnete die Fenster und hing Tücher vor die Spiegel.

 

 

 

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