…es geht zu Ende

Natürlich war nicht alles so einfach, wie ich das in meinem letztem Beitrag schilderte.

Der Tumor wuchs sehr schnell. Metastasen in Nieren, Leber und Magen hatte man schon im Krankenhaus diagnostiziert. Das führte dazu, dass die Funktionen, die diese Organe sonst erfüllten, nach und nach eingestellt wurden.

Im Klartext hieß das, dass Heidi alles, was sie zu sich nahm, wieder heraus brachte. Wir hatten in jedem Zimmer mindestens einen Kotzbehälter griffbereit. Nicht, weil wir zu faul zum Saubermachen waren, sondern weil Heidi sich furchtbar ärgerte, wenn ihre Kotzattacke im Zimmer landete. Sie weinte dann immer und bedauerte uns, weil wir so viel Arbeit mit ihr hätten. Stellt euch das mal vor!

Als es dann ans „Himmeln“ ging, veränderte sich ihr ganzes Wesen. Ihre Kräfte nahmen von Tag zu Tag ab. Bald konnte sie nicht mehr auf Toilette gehen, oder auch nur zum Waschen ins Bad. Wir hatten mittlerweile einen Rollstuhl bekommen, mit integrierten Nachttopf. Mutti hasste dieses „Scheißding“ und ließ sich nur darauf ein, wenn wir sie von ihrem Zimmer ins Bad oder ins Wohnzimmer schoben. Gegen das Toilettieren auf diesem Sitz weigerte sie sich bis fast zum Schluss.

Bald konnte sie auch keine oder nur ganz wenig Nahrung zu sich nehmen. Wir zwangen sie auch nicht dazu. Wozu auch? Ich kannte das ja, und auch hier wollte ich meine Mutti nicht quälen. Obwohl es eine große Überwindung ist, einzusehen, dass der geliebte Mensch auf keinen Fall an Hunger sterben wird. Hier geht man irgendwie gegen einen Urinstinkt an, glaube ich.

Sie schlief tagsüber immer mehr, und wurde dafür um so unruhiger, sobald es Nacht wurde. Wir teilten uns die Wachen ein. Ich übernahm die Nachtwache, mein Mann war die Vormittagsstunden allein für sie da. Mir reichten drei oder vier Stunden Schlaf. Die bekam ich nach der morgendlichen Routine, da Heidi dann sowieso erschöpft war und einigermaßen ruhig schlief.

Die letzten Tage beherrschte sie ein unüberwindbarer Bewegungsdrang. Wir hatten mittlerweile ein Pflegebett für sie bekommen, konnten aber die Seiten nicht mehr hochziehen, weil sie ständig versuchte, darüber hinweg zu steigen. Sie mochte auch dieses Pflegebett nicht. Wahrscheinlich erinnerte es sie zu sehr an ein Krankenhausbett. Für uns war es zum Ende hin eine wertvolle Hilfe.

Zwei Nächte vor ihrem Tod rief sie uns mitten in der Nacht zu sich. Sie wollte mit uns einen Schnaps trinken. Wir holten einen Obstler und stießen mit ihr an. Danach saßen wir gemeinsam mit Heidi in der Mitte auf ihrem Bett. Sie hatte die Arme um uns gelegt und weinte leise vor sich hin. Wir hielten sie ganz fest und weinten mit ihr.

Die Nacht darauf rief sie uns wieder zu sich und wollte mit uns eine Zigarette rauchen. Auch das taten wir, obwohl sie da schon so schwach war, dass wir ihr die Zigarette halten mussten. Danach wollte sie schlafen und wir hatten ihre letzten klaren Augenblicke miterlebt.

Am Morgen darauf veränderte sich ihre Atmung. Wir riefen das Brückenteam, die uns bestätigten, dass es nun ans „Himmeln“ ging. Niemand konnte mehr etwas tun. Wir warteten nur noch und waren bei ihr.

Irgendwann holte sie noch einmal tief Luft, und hörte dann einfach auf. Meine liebe liebe Mutti war gegangen.

Und auch diesen letzten Weg hat sie mit Bravour geschafft, finde ich.

 

 

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