Verzweiflung und Resignation

Heidi ließ sich nach der Diagnose nicht mehr im Krankenhaus halten. Sie wollte nach Hause.

Es dauerte zwei Wochen, bis sie einsah, dass sie so nicht weiter machen konnte. Liebe Nachbarn waren für sie da, und wir waren jeden Nachmittag bei ihr. Aber es ging ihr immer schlechter, und sie war allein. Sie flehte mich an, dass sie nicht in einem Krankenhaus sterben muss, aber zu mir kommen wollte sie auch nicht.

Ich zermarterte mir das Gehirn, wie ich meiner Mutti helfen konnte. Ich wusste, wenn sie nicht unmenschlich leiden sollte, brauchte sie Behandlung und entsprechende Medikamente. Ich wollte sie auch nicht in ein Krankenhaus geben, schließlich hatten die sie ja schon zum Sterben nach Hause gegeben. Zu uns kommen wollte sie aber auch nicht, und allein bleiben konnte sie auch nicht mehr.

Meine Mutter lag in meinen Armen und weinte und fragte mich, wer ihr noch helfen könnte. Ich hielt sie, weinte, wußte keine Antwort, hatte keinen Trost für sie und betete um einen klugen Gedanken.

Den bekam ich tatsächlich. Mir fielen nämlich zwei sehr gute Freunde ein, die ihre Angehörigen in ein Hospiz gegeben hatten, als jede Aussicht auf Heilung vergangen war.

Es fiel mir unendlich schwer, Heidi diesen Plan überhaupt vorzuschlagen, ihn auch nur anzusprechen. Sie verhielt sich, wie ich es erwartet hatte. Was mir denn einfiel, dass ich sie in so ein Sterbehaus geben will. Was sie denn verbrochen hätte, dass sie auch so etwas noch ertragen müsse, und, und und…

Aber ich war gewappnet. Das Hospiz, mit dem ich mich in Verbindung gesetzt hatte, verfügte über ein „Brückenteam“. Das bedeudete, sie betreuten auch außer Haus, und wären auch zu Heidi gefahren, obwohl die Entfernung grenzwertig war. Damit konnte ich sie überzeugen, und sie unterschrieb die notwendigen Formulare.

Und dann sollte uns der Zufall, das Schicksal …, wer oder was auch immer zu Hilfe kommen.

Heidi wird krank

Heidi hat sich nie großartig von Krankheiten aufhalten lassen. Abgesehen von gelegentlichen grippalen Infekten kann ich euch von keiner ernsthaften Krankheit berichten. Eines war immer wieder Thema, – Migräne. Die Art, von Migräne, bei der es einem kotzübel ist, Licht weh tut und jede Erschütterung, wenn jemand einfach nur den Boden berührt, ebenso.

Irgendwann, Ende 2011 fingen wir an, uns Sorgen zu machen. Heidi wurde immer mürrischer. Sie aß nicht mehr richtig, hatte auch gar keinen Appetit mehr. Sie klagte immer wieder, dass sie sich nicht wohl fühle, machte das aber an nichts wirklich fest. Wir machten es am Alter fest und uns keine großen Gedanken.

Irgendwann ging es nicht mehr. Ich weiß noch, dass wir uns zum Sonntag im Garten verabredet hatten, es war Muttertag. Morgens rief Heidi an und sagte ab, mit der Begründung, sie würde sich miserabel fühlen. Da sich das überhaupt nicht nach Heidi anhörte, fuhren wir zu ihr.

Und dort fanden wir eine vollkommen veränderte Frau vor. Ich sehe sie immer noch in ihrer Küche sitzen, in sich zusammengesunken und um Jahre gealtert. Sie wollte nicht, dass wir blieben. Wir gingen aber nicht ohne ihr Versprechen, dass sie am nächsten Tag zum Arzt geht.

Ich traute ihr nicht und schickte deshalb meinen Mann am nächsten Morgen zu ihr. In diesem Fall muss ich sagen, Gott sei Dank war er damals arbeitslos und hatte Zeit, sich um Heidi zu kümmern.

Er brachte sie zu ihrem Hausarzt. Der überwies sie sofort ins nächste Krankenhaus. Steffen blieb immer an ihrer Seite. Dort wurde sie auf das Gründlichste untersucht. Sie machte ein wahnsinniges Theater und hasste das Krankenhaus und alles, was damit zusammenhing von der ersten Stunde an.

Zwei Tage später bekamen wir die Diagnose, … Bauchspeicheldrüsenkrebs im Endstadium.

Es ist ja nicht so, dass es bei dieser Diagnose ein anderes Stadium gibt, als das Endstadium. Es ist nur ein Unterschied, wie lange vorher man davon weiß.

Je eher man davon erfährt, desto länger ist der Leidensweg.

Aus dieser Sicht heraus hatte Heidi Glück! Sie erfuhr es erst vier Monate vor ihrem Tod. Geahnt hat sie es ganz sicher schon sehr viel früher.

Heidi

Heidi zog aus dem Feuerwehrhaus aus. Ich hätte mich dort alleine auch gegruselt. Nachdem sie die eine oder andere Kur gemacht hatte, fand sie auch wieder zum Leben zurück.

Sie war schon immer eine Frau, die sehr viel von ihren Mitmenschen verlangte, aber noch mehr verlangte sie von sich selbst. Sie war nach Jörg´s Tod so diszipliniert, dass sie mir manchmal Angst machte. Sie machte ihren Job, sie kochte Essen für sich allein, sie fuhr in den Urlaub.

Wir hatten uns irgendwann einmal step by step versöhnt, Grenzen abgesteckt, und gelernt uns zu respektieren. Das tat gut!

Es waren für uns alle schwere Zeiten. Da war ich froh, dass ich einen Menschen an meiner Seite hatte, dem ich bedingungslos vertrauen konnte. Sie sah das auch so.

Irgendwann lernte sie auch den einen oder anderen Mann kennen. Das hielt nie sehr lange und ich denke, es lag daran, dass es unmöglich war, die Lücke zu füllen, die Jörg hinterlassen hatte.

Heidi war dann sechs Jahre mit einem Mann liiert, den ich tatsächlich nicht leiden konnte. Ich begann mich wieder aus ihrem Leben heraus zu nehmen. Ich konnte es einfach nicht ertragen zu sehen, wie er sie behandelte.

Wer auch immer der große User ist, der unser Leben bestimmt…, er hat einen grausamen Humor. Heidi lernte durch diesen Mann ein ganz anderes, interessanteres Leben kennen. In vielerlei Hinsicht tat er ihr auch gut. Sie war so vernarrt in ihn, dass sie mich auch von ihrer Seite her ausschloß. Und dann setzt sich dieser Mann doch Abends auf die Couch, weil er noch Sport sehen wollte. Als Heidi in der Nacht munter wurde, und sich wunderte, wieso er immer noch draußen saß, fand sie ihn tot auf der Couch. … Einfach so! Herzinfarkt!

Es tat mir Leid, dass ein Mensch gestorben war. Ich konnte nur nicht traurig darüber sein.

Sie verlor diesen Mann, ich bekam meine Mutter wieder. Für mich war der Deal gut, für Heidi sicher weniger.

Sie hat nie verlangt, dass ich um ihn trauere. Wir deckten einfach den Mantel der Liebe darüber.

Ein wenig Ruhe

Es ist mir aufgefallen, dass es für niemanden meiner treuen Leser genau nachvollziehbar ist, in welcher zeitlichen Reihenfolge meine Familie gestorben ist. Deshalb hier eine kleine Zeitschiene:

Uroma und Uropa aus Sachsen starben irgendwann 1968.

Dann kamen Uroma und Uropa aus Anhalt, das war 1978.

Jörg ging 1982.

1985 verlor ich mein erstes Kind während der Schwangerschaft.

1991 starb Hermann,

1993 meine Oma Else.

Einen Lichtblick gab es zwischendurch. Mein Sohn Martin kam 1989 zur Welt.

Irgendwann danach starb auch Gerd, ich weiss aber nicht mehr, wann.

 

Nun aber zu Heidi, meiner Mutti.

Sie war 36 Jahre alt, als Jörg starb. Es war ihr viele Jahre danach nicht wirklich möglich, mit einem neuen Mann noch einmal zu beginnen. Ich war daran ganz gewiss nicht schuld. Ich zog in die nahe gelegene Großstadt als ich 18 war.

Ich konnte und wollte den Ort nicht mehr ertragen, an dem ich groß geworden war. Jede Ecke, jeder Lampenmast, jedes Stadtfest wurden mir zur Qual, weil sie mich immer wieder an Jörg erinnerten.

Auch wenn wir uns zu dieser Zeit nicht besonders gut verstanden, muss es für Mutti schlimm gewesen sein, dass ich so schnell auszog.

Aber es war gut, denn über die Entfernung hinweg fanden wir das erste Mal wirklich zueinander.

 

 

 

Schwere Zeiten

Mit der Trauerfeier meines Vaters waren die Förmlichkeiten noch nicht beendet. Es gab auch noch eine Urnenbeisetzung. Zu dieser fanden sich dann auch nur seine Eltern, Mutti und ich ein. Das war eine gute Idee von mir gewesen.

Für uns alle war es sehr schwer, dieses neue Leben zu leben. Aber irgendwann holte uns der Alltag wieder ein.

Mutti ging nach nur drei Wochen wieder zur Arbeit. Sie meinte, zu Hause würde sie wahnsinnig werden. Trotzdem war es sehr schwer für sie, da ja jeder in der Firma von dem Unfall wusste. Es war vielen Menschen ein Bedürfnis, mit ihr zu reden und ihr Beileid zu bekunden.

Auch ich ging nach drei Wochen wieder zur Schule. Die Prüfungen standen vor der Tür. Und auch für mich waren die ersten Tage nicht leicht. Anders, als die Erwachsenen konnten die wenigsten meiner Mitschüler mit der Situation umgehen. Ich bemühte mich, so normal, wie möglich zu wirken. Das half den meisten, ihre Scheu relativ schnell zu überwinden. Und bald war alles wieder wie vor dem Unfall, zumindest, wenn ich in der Schule war.

Zu Hause sah es ein wenig anders aus. Ich bekam Panikattacken, hatte wahnsinnige Angst vorm Sterben und konnte in keinen Spiegel schauen. Es war mir auch fast unmöglich, für meine Prüfungen zu lernen. Meine Konzentrationsfähigkeit sank gen Null und es blieb nichts hängen.

Natürlich schaffte ich die Prüfungen, nur nicht mit den Ergebnissen, die meine Vorzensuren erwarten ließen. Aber das interessierte mich überhaupt nicht.

Am Schwierigsten gestaltete sich das Zusammenleben mit meiner Mutter. Wir waren es nicht gewohnt, allein miteinander zurecht zu kommen. Jörg war immer Dreh- und Angelpunkt in unserer Familie. Nun drehten wir uns nur noch um uns selbst, und das erzeugte Reibung. Wir waren über einige Jahre hinweg nicht gut darin, miteinander vernünftig umzugehen.

Aber wir schafften es, worüber ich sehr froh bin.

 

 

Wie es weiter ging…

Aber auch dieser Tag ging zu Ende, und ich hatte immer noch nicht um meinen Vater geweint.

Ich kam auch die nächsten drei Wochen nicht dazu. Meine Mutter machte vollkommen dicht. Meine Großeltern waren total verwirrt und Opa wurde so krank, dass ich schon wieder um sein Leben fürchtete.

Ich war also die einzige Ansprechpartnerin für die Firma meines Vaters, die sich selbstverständlich um die Beerdigung meines Vaters kümmerte.

Ich entschied einfach alles. Welche Blumen den Sarg schmücken sollten, wie der Sarg aussehen sollte, welche Musik zur Trauerfeier gespielt wurde, … alles. Meine Mutti unterschrieb nur, oder sagte: „Fragt meine Tochter.“

Ich war sechzehn und hatte über Nacht alle Säulen verloren, die mich bis dahin getragen hatten.

Alle waren mit sich selbst beschäftigt und verließen sich auf mich. Das ist kein Vorwurf und damals habe ich das so auch nicht empfunden.

So viele Menschen, die mir lieb sind und die mich kennen, sagen mir immer wieder, dass ich den Tod meines Vaters nie verkraftet habe. Ich denke, sie haben Recht und in diesen Wochen liegt der Ursprung dafür.

Zur Trauerfeier habe ich einen entscheidenden Fehler gemacht. Ich hatte bestimmt, dass die Trauergäste vor der Familie Platz nehmen sollten. Was für ein Irrsinn!

Stellt euch das mal vor. Die Feuerwehr stand seit Stunden und hielt Mahnwache am Sarg meines Vaters,… die kleine Friedhofskirche gefüllt, mit über 280 Menschen und zum Schluss kommen Mutti und ich, müssen bis nach ganz vorn, durch diese vielen Menschen und stehen dann da, vor Jörg, der nicht mehr ist.

Wer von euch so etwas irgenwann mal selbst organisieren muss, dem kann ich nur raten, verändert die Reihenfolge! Es war so schmerzlich, in diese Gesichter schauen zu müssen und die Trauer zu ertragen, die die Menschen trugen. Das machte die eigene Last nur noch noch schwerer.

Alles in allem hatte der Papa eine sehr schöne Trauerfeier. Sie hätte ihm gefallen! Ja wirklich! Es wurden ihm alle Ehren zuteil, die er verdiente.

Selbst der Leichenschmaus hätte ihm gefallen. Seine Kameraden begossen nämlich ganz gehörig diesen Tag und ich weiß, mein Vater wäre nicht anders gewesen, wenn es ihn nicht betroffen hätte.

Ich konnte das nicht ertragen und drängte meine Mutter nach Hause. Dort angekommen, konnte ich zum ersten Mal weinen.

Ein Tag, ohne Ende

Als ich mit meiner Cousine nach Hause kam, saßen im Wohnzimmer wieder jede Menge Menschen. Nur sahen sie jetzt nicht so sehr aus, wie Arbeitskollegen und Familie, sondern wie Kameraden, Freunde und Familie.

Zu diesem Zeitpunkt wusste ich immer noch nicht, was eigentlich geschehen war. Und irgendwie war es mir auch egal, denn was ich unmißverständlich realisiert hatte, war, dass mein Vater tötlich verunglückt war.

Ich verkroch mich in ein leeres kaltes Zimmer und lauschte den Stimmengemurmel, das aus dem Wohnzimmer zu mir drang. Ich hörte auch immer wieder Leute kommen und gehen. Und ich sah zu, wie der Tag dunkel wurde.

Irgendwann setzte sich jemand neben mich. Ich erkannte den besten Freund meines Vaters. Seine Augen waren vom Weinen rot und er sagte keinen Ton.

„Mein Papa…“, sagte ich nur. Er nickte und nahm meine Hände in die seinen. Das fühlte sich irgendwie tröstlich an, so dass ich mich an ihn lehnte. Und dann begann er zu reden.

Damals und bis heute weiß niemand, wie der Unfall wirklich geschah. Jörg war auf einem letztem Kontrollgang auf dem Dach des Maschinenhauses. Dort standen elektrische Filter, die nach der Generalreparatur im Probelauf fuhren. Man vermutete, dass Jörg irgend etwas gesehen haben muss, was nicht in Ordnung war. Zu müde, oder zu leichtsinnig, oder auch nur zu faul (ja, vielleicht auch das! Obwohl ich mir das nicht vorstellen konnte) die ca 200 Meter bis zum nächsten Telefon zu gehen, wo er die Schaltwarte um Abschaltung hätte bitten können, ging er wohl an die laufenden Maschinen. Diese wurden mit 40.000 Volt betrieben und erzeugten ein Magnetfeld. Alle vermuteten, dass er mit dem Schraubendreher irgend etwas fest schrauben wollte, dabei abrutschte und in das erzeugte Magnetfeld kam.

Es gab wohl Menschen, die einen solchen Unfall überlebten, weil sie von diesem Magnetfeld abgestoßen wurden. Sie verloren dabei zwar den Arm, saßen im Rollstuhl oder hatten einen Hirnschaden, …aber sie überlebten.

Jörg nicht. Er wurde in das Feld hinein gezogen. Die Strom-Eintrittsmarke war an der rechten Handfläche, die Strom-Austrittsmarke am linken Hinterkopf. Helm und Schraubendreher fand man später im Aschekeller.

Man hat auch eine dreiviertel Stunde lang versucht, ihn wieder zu beleben, wider besseren Wissens und jeder Aussicht auf Erfolg. Es gab Fotos von ihm, die ich nie gesehen habe. Ich erwähne sie nur, weil ich irgendwann an der Wiederbelebung zweifelte.

Mein Vater selbst hatte mir einmal erzählt, dass er schon Menschen geborgen hatte, die einem solchen Stromschlag erlagen. Sie waren innerlich verbrannt und auf die Hälfte ihrer Körpergröße geschrumpft.

Wie auch immer, ich wehrte mich vehement und erfolgreich dagegen, dass mein Vater aufgebahrt wurde. Also kann ich euch nicht sagen, ob er wirklich noch ganz war, nach dem Unfall.

 

Jörg, sein Tod

Als ich morgens um 8.00 Uhr am Frühstückstisch meiner Großelten saß, wusste ich noch nicht, dass mein Papa nicht mehr lebte und meine Großeltern ihren mittleren Sohn verloren hatten.

Zu diesem Zeitpunkt war unsere Welt noch in Ordnung…, und sollte eineinhalb Stunden später unwiederbringlich einstürzen.

Ich saß im Wohnzimmer, als ich draußen Stimmen hörte und dann einen Schrei, der mir durch Mark und Bein ging. Im ersten Moment dachte ich, es wäre jemand gestürzt, aber als ich auf den Flur kam, waren da jede Menge Menschen.

Meine Mutter saß zusammen mit meiner Oma in der Küchentür und schrie unverständliche Worte. Immer, wenn Oma sie anfassen wollte, schlug sie um sich.

Mein Opa hatte den Chef meines Vaters am Schlawittchen, und ich dachte noch, … was machen die alle hier? Und wieso wollen die sich schlagen?

Die Frau vom Chef der Firma lehnte mit ausgebreiteten Armen an der Wand und weinte bitterlich.

Ich dachte, meine Mutter wäre auf einmal durchgedreht und rannte deshalb zu ihr hin. Aber sie schlug selbst nach mir, und bevor sie mir weh tun konnte, hob mich Papa’s Chef von ihr weg und drückte mich an die Wand.

Und dann sagte er: „Dein Vater ist tot.“

Ich habe bis dahin gedacht, dass, wenn jemand behauptet, die Beine hätten unter ihm nachgegeben, dieser Jemand absoluten Blödsinn erzählt. Wie sollte so was wohl gehen?

Es geht, glaubt mir. Ich verlor mit einem Schlag sämtliche Lebenskräfte und sackte so schnell in mir zusammen, dass noch nicht mal Papa’s Chef mich auffangen konnte.

Und wie ich so im Flur meiner Großeltern saß, wich die Welt vor mir zurück und wurde durchsichtig. Es war, als wäre ich in einem Kino. Ich kannte die Darsteller, aber begriff den Film nicht. Ich hörte Worte, die ich nicht verstand und sollte Dinge tun, die mir absurd vorkamen. In die Küche gehen?, Mich hinsetzen?, Zu meiner Mutter gehen?, Mich anfassen lassen?, Mich nicht so furchtbar aufregen?, … Ich war überhaupt nicht aufgeregt. Ich verstand einfach nicht, was da gerade passierte.

Es war still um mich.

Was in den nächsten drei oder vier Stunden gesagt und getan wurde, nahm ich nicht mehr wirklich wahr. Ich fühlte keine Trauer, keinen Schmerz, überhaupt nichts.

Die Wohnung meiner Großeltern füllte sich immer mehr mit Menschen und ich verstand nicht, was die plötzlich alle von uns wollten. Das erste Mal munter wurde ich, als mich meine Oma in den Kindergarten schickte, meine Cousine abzuholen. Ich hatte versprochen, das zu tun, und die Zeit war ran.

Ich weiß noch, wie mich die Kindergärtnerin fragte, was denn mit mir los sei.

Ich sagte nur: „Nichts!“

 

 

Jörg

Es ist eine eigenartige Sache zwischen Vater und Tochter. Ich war ein sogenanntes „Vaterkind“. Sehr zum Leidwesen meiner Mutter.

Das praktischste Outfit für mich bestand aus Lederhosen oder robusten Textilien. Ich interessierte mich nicht für Mädchendinge. Viel lieber ging ich mit meinem Vater arbeiten. Und da er Elektriker von Beruf war, arbeitete er viel nebenbei. Handarbeiten und solche Dinge waren für mich ein Graus.

Jörg hatte sich zum Meister hoch gearbeitet. Weiter wollte er nicht gehen, damit konnte man zu DDR-Zeiten nichts verdienen.

Er war ein angesehenes Mitglied in der Gemeinde. Generationenübergreifend war er auch Kamerad bei der freiwilligen Feuerwehr, was uns erlaubte, die Wohnung im Feuerwehrhaus zu beziehen, wo schon meine Urgroßeltern gewohnt hatten.

Jörg war ein sehr disziplinierter und konsequenter Mensch. Was er einmal anfasste, brachte er auch zu einem guten Ende.

Es war ein sehr kalter Februar, damals 1982. In der Firma, in der meine Eltern schon seit Jahren gemeinsam arbeiteten, herrschte die alljährliche Hektik wegen der Generalreparatur der Maschinen. Jörg schob seit Tagen Doppelschichten in seinem Meisterbereich. Meine Mutter schrubbte Überstunden als Chefsekretärin beim Produktionsleiter.

Ich hatte Ferien und genoss die kurze stressfreie Zeit vor meinen Prüfungen bei meinen Großeltern. Abends war ich trotzdem immer zu Hause. So auch in der Nacht, in der im Ort die Buchhandlung brannte.

Wenn man in einem Feuerwehrhaus wohnt, hat man gewisse Pflichten. Als die Sirene los ging, war es mitten in der Nacht. Mutti und ich öffneten also die Tore zu den Fahrzeughallen. Jörg sprang in seine Feuerwehrkluft und bereitete die Fahrzeuge vor. Dann noch das übliche Telefonat zur Zentrale, um zu erfahren, wo es brannte und schon war der erste Einsatzwagen unterwegs.

Wer sich in diesem Bereich ein wenig auskennt, weiss, dass es bei Minusgraden durchaus möglich sein kann, dass die Wasserhydranten zugefroren sind. So war es auch in dieser Nacht. Die Männer waren gezwungen, die Schläuche bis zum ca. 300 Meter entfernten Mühlgraben zu legen, um Wasser zum Löschen zu bekommen.

Das war natürlich sehr anstrengend und außerdem noch fast sinnlos, da die Buchhandlung brannte, wie eine Fackel, was ja auch kein Wunder war.

So konnte die Feuerwehr sich nur noch auf die Schadensbegrenzung konzentrieren, indem sie die anliegenden Wohnhäuser vor dem Brand schützte, so gut das in diesem Fall möglich war.

Nach dem Löschen des Brandes und nachdem die Fahrzeuge wieder in der Halle und die Tore geschlossen waren, zeigte die Uhr 4.30 Morgens an. Meine Eltern beschlossen auf zu bleiben und in Ruhe zu frühstücken, bevor sie wieder zur Arbeit fuhren. Mich schickten sie ins Bett.

Es war der letzte Morgen, an dem ich meinen Vater sah.

 

Meine Eltern, Heidemarie und Jörg

Die beiden lernten sich unter sehr ungewöhnlichen Umständen kennen, jedenfalls für die damalige Zeit.

Mein Vater war Soldat in Königswusterhausen. Seine Kameraden drei Stuben weiter schalteten eine Annonce, um Mädchen kennenzulernen. Auf diese Annonce bekamen sie so viele Zuschriften, dass sie die Briefe, auf die sie nicht antworten wollten, einfach auf die Stuben der anderen Kameraden verteilten.

So bekam mein Vater den Brief meiner Mutter in die Hände.

Soviel ich weiß, dauerte es nicht lange, bis sie sich zum ersten Mal trafen und sie  verliebten sich sofort ineinander.

Alles weitere ging dann wohl auch sehr schnell. Sie lernten sich im September kennen, im Februar war meine Mutter mit mir schwanger, heiratete im Mai meinen Vater und zog einen Monat vor meiner Geburt zu den Eltern meines Vaters.

Über die näheren Umstände dieses rasanten Verlaufes hat meine Mutter immer geschwiegen. Und auch sonst redete niemand darüber.

Ich denke mir, dass ich ein Unfall am 20. Geburtstag meiner Mutter war.

Mein Vater war anständig genug, meine Mutter zu heiraten. Sie war froh, durch die Heirat in eine völlig neue Umgebung ziehen zu können und somit war das, damals so wichtige Ansehen auf beiden Seiten gewahrt.

Leicht hatten sie es am Anfang sicher nicht. Meine Mutter war verwöhnt, wie eine Prinzessin. Sie konnte nicht kochen und nicht wirtschaften. Meine Urgroßeltern hatten sie mit viel Liebe und Nachsicht überschüttet. Wahrscheinlich, um die verkorkste Kindheit auszugleichen.

Mein Vater konnte wohl mit einer so unselbstständigen jungen Frau und einem Baby nicht viel anfangen und gab uns vorerst in die Hände seiner Eltern. Er hatte seinen Dienst bei der Armee quittiert, unfreiwillig, wie ich später erfuhr. Er schob wieder 24-Stunden-Dienste bei der Berufsfeuerwehr.

So lernte meine Mutter von meiner Oma, was eine Hausfrau ausmachte. Ich bin froh, dass ich das alles nicht mitbekommen habe, denn ich weiß, meine Oma konnte sehr streng sein.

Irgendwie rauften sie sich aber doch zusammen. Meine erste Erinnerung an damals war unsere kleine 2-Zimmer-Wohnung. Die Toiletten waren draußen auf dem Hof, und es gab auch kein Bad. Ich hatte eine Spielecke in der Wohnküche. Es gab noch nicht einmal einen Flur. Wenn man zur Wohnungstür herein kam, stand man direkt in der Küche.

Trotzdem war ich glücklich dort. Wir wohnten mit vielen Familien zusammen in einer alten Fabrik, die nach deren Schließung in Wohnraum umgewandelt worden war. Das gab verborgene Ecken und Winkel, Nebengelass ohne Ende, dunkle Keller und unüberschaubare Abstell- und Trockenböden. Ein wahres Paradies zum Spielen für uns Kinder, ohne, dass wir den Hof verlassen mussten.