Neue Geschichten

Hallo ihr Lieben!

Ich danke allen, die mir tatsächlich zwei Tage lang treu geblieben sind und weiter meinen Blog besucht haben.

Wer von euch neugierig auf andere Geschichten ist, kann mich ab heute hier…  besuchen.

Bei allen, die an der Hospiz-Geschichte Interesse haben, bitte ich noch um ein wenig Geduld. Auf jeden Fall mache ich da weiter. Nur geht es von nun ab nicht mehr um meine persönlichen Erfahrungen. Deswegen muss ich im Vorlauf gewissenhaft recherchieren, bevor ich an die Öffentlichkeit gehe. Also, bleibt mir treu und abonniert einfach meine Seite. Dann werdet ihr ja auf jeden Fall benachrichtigt, wenn ein neuer Beitrag kommt.

Abgesang

Hallo liebe Leserinnen und Leser meines Blogs. Ich danke euch allen für euer Interesse und vielleicht schaut der eine oder andere noch einmal bei mir vorbei.

Die Sache mit meinem Sohn habe ich mir überlegt. Ich denke, es ist besser, wenn ich vorerst nicht darüber schreibe. Die Gründe dafür kann ich euch noch nicht einmal klar benennen. Ich habe nur das Gefühl, dass es zu diesem Zeitpunkt nicht besonders gut wäre, darüber zu berichten.

In den nächsten zwei Tagen werde ich einen neuen Blog beginnen. Lasst euch einfach überraschen.

Diesen Blog führe ich weiter, um ein wenig für die Hospize dieses Landes zu tun. Wenn ihr ähnliche Erfahrungen gemacht habt, wie ich, oder auch andere, könnt ihr mir eure Geschichte schicken. Ich veröffentliche sie gern hier auf meinem Blog und wir können Erfahrungen austauschen oder auch nur diskutieren.

Damit melde ich mich ersteinmal für ein oder zwei Tage ab. Die Adresse für den neuen Blog werde ich auf jeden Fall hier mitteilen.

 

Aufräumen

Wenn ein geliebter Mensch von uns gegangen ist, wirkt es befremdlich, wie gnadenlos der Rest der Welt damit umgeht. Ich will mich da nicht beklagen! Wer kann schon erwarten, dass fremde Menschen Mitgefühl zeigen?

Es scheint dennoch eine rudimentäre Art von Trauerkultur in Deutschland zu herrschen. Die ersten Rechnungen kamen doch tatsächlich erst nach der Beerdigung. Zumindest bei Behörden und Ämtern erschien es mir, als ob da noch ein gewisser Anstand gewahrt wurde. Die Termine zur Begleichung der Rechnungen lagen auch so weit in der Zukunft, dass es mich direkt wunderte.

Andere sind da nicht so feinfühlig. In einer meiner Nachtwachen bei Heidi hatte ich mir eine Liste angefertigt, was ich alles abmelden muss. Und auch das erwies sich als sehr hilfreich. Hinterher haben wir nur noch ein Häkchen machen müssen und waren sicher, nichts vergessen zu haben.

Das mag zwar ein wenig nüchtern klingen. Ich kann euch aber versichern, dass sich meine Gedanken während dieser Nachtwachen größtenteils darum drehten, was ich machen soll, wenn es einmal so weit ist. Dem irdischen Leben meiner Mutter konnte ich nicht mehr helfen, als ich es schon tat. Und da ich den Schritt mit dem Beerdigungsunternehmen schon gegangen war, erschien mir dieser nächste Schritt nur folgerichtig.

Sicher hat da jeder seine eigenen Ansichten darüber, und das ist auch gut so.

Nachdem man das alles geregelt hat, beginnt die Zeit, wo man dann echt trauern kann. Diesmal durfte ich es auch tun. Und ich war sehr froh darüber.

Mich plagten noch Wochen lang Gewissensbisse, weil ich mir vorstellte, was ich ihr noch alles hätte Gutes tun können und nicht getan habe. Und auch da half mir das Hospiz noch einmal.

Wir brachten irgendwann die übrig gebliebenen Medikamente, Windeln und sonstige Hilfsmittel zu ihnen. Das war bewegend, denn sie kümmerten sich so liebevoll um uns, das wir das Gefühl hatten, hier werden wir aufgefangen. Es wurde ein langes Gespräch und ein tränenreicher Nachmittag aus diesem Besuch. Und zum Schluss lachten wir sogar. Wie gut das tat, könnt ihr euch nicht vorstellen.

Ihr wisst sicher, dass ich jetzt nur noch wenige Blutsverwandte habe. Abgesehen von ein paar weitläufigen Verwandten, von denen ich kaum etwas weiss, bleiben da nur noch mein Sohn, und mein Enkel, der diese Woche zwei Jahre alt wird.

Ich bin ein wenig traurig, dass ich nie einen Kommentar von meinen treuen Besuchern bekommen habe. Sicherlich liegt es an dem Thema.

Ich möchte den Blog auch gern weiter führen, ich kann mich nur nicht entscheiden, zu welchem Thema. Einerseits möchte ich gern das Hospiz-Thema anfassen und ein wenig dazu beitragen, dass es enttabuisiert wird. Dann kann ich aus meinem Tagebuch über meinen Sohn berichten, was sich ließt, wie die Geschichten von „Michel, aus Lönneberga“, und dann hätte ich auch noch einen Fantasy-Roman anzubieten. Was meint ihr?

Aber eine Geschichte habe ich noch. Im letzten Jahr verlor ich auch noch meinen Sohn. Nein, nicht erschrecken! Nicht an den Tod. Aber an einen Zauberwald, dessen höchste Pflanze Hanf ist. Die könnt ihr dann morgen lesen.

 

 

Beerdigung

Es ist für mich auch heute noch unfassbar, welche Maschinerie in Gang gesetzt werden muss, wenn ein Mensch himmelt.

Eine sehr liebe FastVerwandte aus der Familie meines Mannes riet mir noch zu Muttis Lebzeiten, mich nach einem passendem Beerdigungsinstitut umzusehen. Als sie das zu diesem Zeitpunkt zu mir sagte, dachte ich, die spinnt. Es kam mir so vor, als ob ich den Tod meiner Mutti als beschlossene Sache ansehen würde. Eigentlich war das ja auch so, aber ich sage euch, die Hoffnung stirbt wirklich zu Allerletzt.

Sie überzeugte mich letztendlich mit dem Argument, dass ich genug um die Ohren haben würde, wenn es wirklich so weit wäre. Dann bräuchte ich mich darum schon mal nicht mehr kümmern. Und, sie hatte Recht!

Ich rief das ausgewählte Beerdigungsinstitut am nächsten Morgen an, und an denen gab es wirklich nichts zu beanstanden. Sie behandelten Heidi mit der Ehre und Würde, die ich für sie beanspruchte auf ihrem letztem Weg.

Na gut, als sie dann mit dem Plastiksack kamen, fand ich das nicht so toll. Ich weiß, das es in ländlichen Gegenden auch nicht üblich ist. In einer Großstadt mit den viel zu engen Treppenhäusern ist es sicherlich annehmbar.

Heidi hatte in ihrem Testament alles niedergeschrieben, was sie zu ihrer Beerdigung haben wollte, und was nicht. Sie wollte keine Trauer-oder Kirchenmusik, sie wollte keine Lilien und keinen Redner, den sie nicht kannte

So hatten wir dann zur Trauerfeier drei Titel heraus gesucht. Andrea Berg mit „Und wenn ich geh“, Unheilig mit „So wie Du warst“, und die Titelmelodie von dem Film „Forrest Gump“. Heidi hat es sicher gefallen, schon deswegen, weil solche Titel in der kleinen Friedhofskirche sicher nicht oft gespielt werden.

Die Trauerrede habe ich selber geschrieben. Dazu brauchte ich zwei Tage. In diesen zwei Tagen wurde mir bewusst, dass man ja so eine Rede mehr für die Trauergäste schreibt, weniger zu Ehren des Verstorbenen. Irgendwann, nachdem der fünfte oder sechste Entwurf wieder im Datenmüll landete, beschloss ich, ein wenig Augenzwinkern mit hinein zu nehmen, und auf den üblichen stereotypen Lebenslauf weitestgehend zu verzichten.

Ich erinnerte die Menschen an die guten und liebenswerten Seiten von Heidi. Auch an die Seiten, die man besser mit dem Mantel der Liebe überdeckte.

Mein Sohn las die Rede vor. Dafür bin ich sehr dankbar. Ich selbst hätte es nicht gekonnt.

Traurige Pflichten

Wir taten alles, wovon wir dachten, dass es richtig wäre. Wie ehrten Heidi, indem wir sie in einen Zustand versetzten, von dem wir annahmen, es hätte ihr gefallen. Wir zündeten eine Kerze an und bedankten uns bei ihr für alles, was sie uns Gutes getan hatte; zu ihren Lebzeiten und darüber hinaus.

Nun hatten wir als nächstes die staatliche Seite ihres Ablebens zu bewältigen. Und das war mehr, als schmerzvoll.

Kurz nach siebzehn Uhr verstarb meine Mutti. Um 19 Uhr verständigten wir einen Notarzt. Der kam dann auch so gegen 23.30 Uhr. Fasst euch also in Geduld, falls ihr jemals in eine solche Situation kommen solltet.

Sie kamen zu zweit. Als erstes wollten sie Heidi sehen und wir führten sie zu ihr. Es war ja noch nicht einmal schlimm, dass keiner der beiden Ärzte kondolierte. Die Fragen, die sie nach der Leichenbeschau stellten (sicher auch stellen mussten), waren sehr viel schlimmer. In meinem Gemütszustand verstand ich nur, dass diese wildfremden Männer die Möglichkeit abcheckten, ob ich nicht meiner Mutter eventuell hinüber geholfen hätte. Das ließ mich immer wütender werden.

Bevor mich mein Jähzorn ernstlich in Schwierigkeiten bringen konnte, lenkte einer der beiden Ärzte ein. Mein Mann hatte ihn kurz vorher schon angestoßen und scheinbar erkannte er die Zeichen. Er entschuldigte sich plötzlich für sein Vorgehen und erklärte mir, warum sie sich so verhielten.

– Deutschland, Deine Gesetze! – Man kann echt irre werden.

Aber vernünftigen Argumenten gegenüber bin ich fast immer offen. Er erklärte mir nämlich, dass die Medikamente, die wir im Haus hatten, jeden, wie auch immer gearteten Junkie, in Extase versetzen würde. Und welche Auswirkungen sie haben, wenn man die Dosierung nicht einhält.

Glaubt mir, oder lasst es bleiben. Bis dahin hatten wir nicht einen einzigen Gedanken in diese Richtung verschwendet. Im Gegenteil, immer, wenn wir merkten, dass die Wirkung nachließ, oder auch verstärkt wurde, waren wir sofort am Telefon, um uns vom Hospiz beraten zu lassen. Im Notfall kam sogar ein Arzt vorbei und brachte andere Medikamente.

Zum Glück führten wir penibel eine Liste, wann wir Heidi welches Medikament gaben. Die hatten wir aber für uns angelegt, um nicht durcheinander zu kommen. Keiner von uns hätte geglaubt, dass sie einmal notwendig wäre, um unsere Glaubwürdigkeit zu beweisen.

Wir mussten tatsächlich eine Kopie ziehen, die die Ärzte zu ihrem Papierstapel legten. Ich hatte am Ende schon das Gefühl, dass sie uns noch die Polizei ins Haus holen. Das ist uns dann aber erspart geblieben.

Als wir die Beiden dann zur Wohnung hinaus begleiteten, war es mir zum erstem Mal in meinem Leben nicht möglich,  Menschen mit einem Handschlag zu verabschieden. Ich übersah ihre Hände geflissentlich. Und als sie mir den Rücken zudrehten und auf dem Treppenansatz standen, war ich für ein paar Sekunden in der Versuchung, ihnen mit einem kräftigem Tritt in den Hintern ein wenig schneller hinunter zu helfen.

Ich hab es nicht getan.

Aber ich bin heute noch überzeugt davon, dass es MIR gut getan hätte.

Es ist schon ein Jammer, was einem in einer solchen Situation von staatswegen zugemutet wird. Er fragt nicht danach, wie man zurecht kommt, wenn man einen Menschen zu Hause bis zum Tod begleitet. Er nimmt sich aber das Recht heraus zu fragen, ob man auch wirklich die Gesetze eingehalten hat.

Den Termin vom Amtsarzt, der die Pflegestufe für Heidi feststellen sollte, bekamen wir eine Woche nach ihrem Tod.

 

 

Abschied nehmen

Wie nimmt man Abschied von einem geliebten Menschen?

Ich war im ersten Moment geschockt. Auch wenn ich mich über Monate hinweg auf diesen Augenblick vorbereiten konnte, trafen mich die lange vergessenen oder verdrängten Gefühle sehr unerwartet. Mir wurde wieder bewusst, wie furchtbar unwiederbringlich der Tod ist.

Meine Trauer um den Verlust, meine Angst vor dem Leben ohne meine Mutti, meine Hoffnungs- und Mutlosigkeit waren nichts im Vergleich zu dem Wissen, dass wirklich alles vorbei war. Ich sah sie ja noch, hielt noch ihre Hände und konnte noch ihre Wärme spüren.

Wir saßen die erste Stunde an ihrer Seite, ohne ein Wort zu sagen. Es ist sehr schwer in Worte zu fassen, was in dieser Zeit in mir vorging.

Langsam kamen wir wieder zu uns. Wir fragten uns, was wir jetzt tun sollten.

Nein, es machte uns nicht ratlos, wie wir die Maschinerie in Gang setzen sollten, die in diesem Land notwendig ist, wenn man einen verstorbenen Menschen zu Hause hat. Darauf waren wir bestens vorbereitet. Wieder Dank des Brückenteams, dass auch dieses Thema mit uns besprochen hatte. Wer weiss schon, dass man den Arzt frühestens zwei Stunden nach dem Ableben anrufen soll? Eher kommen die sowieso nicht. Oder dass es Fristen gibt, wie lange man einen toten Menschen zu Hause haben darf. Da Mutti an einem Sonnabend gestorben war, durften wir sie sogar noch länger bei uns behalten. Was für ein Irrsinn. Wie schon geschrieben, diese Dinge waren uns klar.

Worüber wir uns wenig oder gar keine Gedanken gemacht hatten war, was in der Zwischenzeit mit Heidi geschehen sollte. Ich wusste aus Erzählungen, dass es früher üblich war, die Toten zu waschen und frisch anzukleiden. Das hielt ich für einen guten Gedanken. Ich hätte sowieso nicht gewollt, dass sie irgend jemand in ihrem Nachthemd und mit Windeln sah.

Also wuschen wir Heidi. Ich hätte nie gedacht, dass ich so etwas könnte, aber es war gar nicht so schlimm. Ich hatte dabei immer das Gefühl, ich würde ihr etwas Gutes tun. Danach bezog ich das Bett noch einmal frisch.

Dann zogen wir ihr die Sachen an, die sie vierzehn Tage vorher noch selbst gekauft hatte.

(Das war ein sehr anstrengender Tag für sie gewesen, aber sie wollte unbedingt etwas Neues zum Anziehen. Wir hatten nämlich Konzertkarten, und sie hoffte inständig, dass sie es noch bis zum Konzert schaffen würde. Nun gut, das klappte nun nicht mehr. Aber ich denke, sie hat sich darüber gefreut, dass sie die Sachen dann doch noch tragen konnte.)

Zum Schluss kämmte ich ihr noch die Haare und dann bedeckten wir sie mit einem Laken.

Ich habe keine Ahnung, ob das alles so richtig war. Es fühlte sich jedenfalls richtig an.

Ich war auch nie sonderlich abergläubig, trotzdem machte ich in allen Zimmern das Licht an, öffnete die Fenster und hing Tücher vor die Spiegel.

 

 

 

…es geht zu Ende

Natürlich war nicht alles so einfach, wie ich das in meinem letztem Beitrag schilderte.

Der Tumor wuchs sehr schnell. Metastasen in Nieren, Leber und Magen hatte man schon im Krankenhaus diagnostiziert. Das führte dazu, dass die Funktionen, die diese Organe sonst erfüllten, nach und nach eingestellt wurden.

Im Klartext hieß das, dass Heidi alles, was sie zu sich nahm, wieder heraus brachte. Wir hatten in jedem Zimmer mindestens einen Kotzbehälter griffbereit. Nicht, weil wir zu faul zum Saubermachen waren, sondern weil Heidi sich furchtbar ärgerte, wenn ihre Kotzattacke im Zimmer landete. Sie weinte dann immer und bedauerte uns, weil wir so viel Arbeit mit ihr hätten. Stellt euch das mal vor!

Als es dann ans „Himmeln“ ging, veränderte sich ihr ganzes Wesen. Ihre Kräfte nahmen von Tag zu Tag ab. Bald konnte sie nicht mehr auf Toilette gehen, oder auch nur zum Waschen ins Bad. Wir hatten mittlerweile einen Rollstuhl bekommen, mit integrierten Nachttopf. Mutti hasste dieses „Scheißding“ und ließ sich nur darauf ein, wenn wir sie von ihrem Zimmer ins Bad oder ins Wohnzimmer schoben. Gegen das Toilettieren auf diesem Sitz weigerte sie sich bis fast zum Schluss.

Bald konnte sie auch keine oder nur ganz wenig Nahrung zu sich nehmen. Wir zwangen sie auch nicht dazu. Wozu auch? Ich kannte das ja, und auch hier wollte ich meine Mutti nicht quälen. Obwohl es eine große Überwindung ist, einzusehen, dass der geliebte Mensch auf keinen Fall an Hunger sterben wird. Hier geht man irgendwie gegen einen Urinstinkt an, glaube ich.

Sie schlief tagsüber immer mehr, und wurde dafür um so unruhiger, sobald es Nacht wurde. Wir teilten uns die Wachen ein. Ich übernahm die Nachtwache, mein Mann war die Vormittagsstunden allein für sie da. Mir reichten drei oder vier Stunden Schlaf. Die bekam ich nach der morgendlichen Routine, da Heidi dann sowieso erschöpft war und einigermaßen ruhig schlief.

Die letzten Tage beherrschte sie ein unüberwindbarer Bewegungsdrang. Wir hatten mittlerweile ein Pflegebett für sie bekommen, konnten aber die Seiten nicht mehr hochziehen, weil sie ständig versuchte, darüber hinweg zu steigen. Sie mochte auch dieses Pflegebett nicht. Wahrscheinlich erinnerte es sie zu sehr an ein Krankenhausbett. Für uns war es zum Ende hin eine wertvolle Hilfe.

Zwei Nächte vor ihrem Tod rief sie uns mitten in der Nacht zu sich. Sie wollte mit uns einen Schnaps trinken. Wir holten einen Obstler und stießen mit ihr an. Danach saßen wir gemeinsam mit Heidi in der Mitte auf ihrem Bett. Sie hatte die Arme um uns gelegt und weinte leise vor sich hin. Wir hielten sie ganz fest und weinten mit ihr.

Die Nacht darauf rief sie uns wieder zu sich und wollte mit uns eine Zigarette rauchen. Auch das taten wir, obwohl sie da schon so schwach war, dass wir ihr die Zigarette halten mussten. Danach wollte sie schlafen und wir hatten ihre letzten klaren Augenblicke miterlebt.

Am Morgen darauf veränderte sich ihre Atmung. Wir riefen das Brückenteam, die uns bestätigten, dass es nun ans „Himmeln“ ging. Niemand konnte mehr etwas tun. Wir warteten nur noch und waren bei ihr.

Irgendwann holte sie noch einmal tief Luft, und hörte dann einfach auf. Meine liebe liebe Mutti war gegangen.

Und auch diesen letzten Weg hat sie mit Bravour geschafft, finde ich.

 

 

…bis zum letzten Atemzug, der Zweite.

Der Unterschied zwischen einem Hausarzt und einem Palliativmediziner ist im wesentlichen der, das ersterer keine Hausbesuche macht und zweiterer bessere Medikamente verschreibt.

Nachdem ich dem Hospiz mitteilen durfte, dass Heidi sich „vorerst“ bei uns zu Hause behandeln lassen würde, vereinbarten wir sofort einen Termin für den nächsten Tag. Sie kamen zu dritt. Der Arzt untersuchte Heidi und unterhielt sich mit ihr. Eine Schwester füllte mit Hilfe meines Mannes die notwendigen Formulare aus, die andere Schwester erklärte mir genau, was in den nächsten Tagen und Wochen auf uns zukäme.

Alles geschah in einer so ruhigen und entspannten Atmosphäre, dass wir alle nach einer halben Stunde das Gefühl hatten, dass wir gut aufgehoben sind.

Heidi war nach ca. einer Stunde vollkommen schmerzfrei und saß in unserem Wohnzimmer, als wäre sie tatsächlich nur zu Besuch.

Von nun an wurde alles getan, um Heidi diesen letzten Weg so leicht, wie nur möglich zu machen. Die Menschen vom Brückenteam waren rund um die Uhr für uns da. Egal, was wir benötigten, ob es sich da um eine höhere Dosierung der Medikamente, irgendwelche Hilfsmittel, oder auch nur um Tipps und Tricks rund um`s Sterben ging, … sobald wir anriefen, waren sie da.

Wir hatten noch eine schöne Zeit und oft sehr viel Spass miteinander. Ja, ehrlich…, auch wenn das niemand glauben kann. Es gab nicht viel aufzuarbeiten, oder noch zu bereden. Wir ließen aber auch kein Thema aus. Mutti sagte manchmal:“Wenn ich einmal himmele, … „, oder „Wenn ich dann gehimmelt bin, …“.

Eine Schwester vom Hospiz nahm das auf. Sie fand das Wort und die Umschreibung so viel schöner, als vom Sterben zu reden. Sie nahm sich vor, diese Begrifflichkeit auch bei den Menschen im Hospiz zu verbreiten. Ich weiß nicht, ob sie das geschafft hat.

Wir waren jede Minute mit Heidi zusammen und erfüllten ihr jeden Wunsch, den sie noch äußerte. Ich hatte mich mittlerweile beurlauben lassen, womit ich ihr eine sehr große Freude bereitete. Wir ließen  eine Friseuse kommen, eine Fusspflegerin, eine Kosmetikerin … überhaupt alles, was bis dahin zu ihrem ganz normalem Wohlfühlprogramm gehörte, machten wir ihr möglich.

Ihr meint vielleicht, dass dies alles sinnlos wäre, angesichts des nahen Todes. Aber ich sage euch, für Heidi waren es Sternenstunden. Und für uns auch. Es lenkte uns alle von diesen schweren Gedanken ab, die uns doch ständig begleiteten.

Unser größtes Bestreben war es, nicht im Wartezimmer zum Tod zu sitzen. Wir wollten eine Brücke zu ihm bauen. Keine Hängebrücke und auch keine Bogenbrücke, nein…, es sollte eine glatte und ebene, ganz schmale Brücke sein. Mit links und rechts Geländer, an dem man sich festhalten kann. Und ich glaube, dass uns das sehr gut gelungen ist.

Natürlich war es auch sehr schwer, dem Krankheitsverlauf und dem schnellen Kräfteverlust meiner lieben Mutti zuzuschauen. Und da ich euch nicht überfordern möchte, schlage ich ihr letztes Kapitel morgen auf.

…bis zum letztem Atemzug

Es war nicht einfach mit ihr. Sie hatte wohl schon mit ihrem Leben abgeschlossen.Wir aber noch lange nicht.

Also nervte sie uns die Woche über mit allerlei Befindlichkeiten, die erst einmal nichts mit ihrer Krankheit zu tun hatten. Wir waren ständig dabei, sie davon zu überzeugen, dass sie uns nicht zur Last fällt und sehr gern bei uns bleiben kann.

Ich weiß nicht, wer von euch jemals in einer solchen Situation war. Es ist eine Gratwanderung. Auf der einen Seite war es sehr schwierig, wieder mit der Mutter unter einem Dach zu leben. Auf der anderen Seite hatte ich immer ihre Diagnose im Hinterkopf. Niemand will doch mit einem Menschen ungeduldig werden, der sein Todesurteil bekommen hatte.

Die ganze Woche schimpfte sie. Nichts konnte man ihr Recht machen. Dazu kamen die Schmerzen, abgelöst von nicht vorausschaubaren Kotz-Attacken und Müdigkeit. Nach dieser Woche hatten wir das Gefühl, dass wir das nicht durchstehen können. Als wir schon ernsthaft überlegten, ob wir sie nicht doch in ein Krankenhaus geben sollten, hörte sie von jetzt auf nachher auf, uns zu ärgern.

Was muss ein Mensch durchmachen und fühlen, der weiß, dass ihm das sichere Ende in absehbarer Zeit bevorsteht? Heidi hat nie darüber gesprochen. Sie hörte nur auf damit, dominant zu sein.

Zwei Tage danach kamen diese fantastischen Menschen vom Brückenteam des Hospizes das erste Mal zu uns. Heidi hatte eine Heidenangst vor dem Termin. Den Arzt schaute sie an, an wolle er sie zur Schlachtbank treiben.

Ich hatte noch mehr Angst vor diesem Termin, da ich meine Mutter kannte. Ich wusste genau, wenn sie hier dicht macht, haben wir keine Chance mehr.

 

Heidi geht auf ihre letzte Reise

Ich konnte mir nichts Schlimmeres vorstellen, als meine Mutter zu zwingen, ihr geliebtes zu Hause zu verlassen. Sie wusste ja, dass es ans Sterben ging.

Eines Tages rief sie Morgens an und meinte, es ginge ihr gut und sie hätte Lust, zu uns in den Garten zu kommen. Wir fuhren natürlich sofort los und holten sie ab. Es wurde ein sehr schöner Tag. Vor allem, weil sich Heidi überreden ließ, in den kleinen Bassin zu steigen, den mein Mann zwei Tage vorher gekauft hatte. Ich lachte ihn noch aus deswegen, als er mit dem Ding ankam. Aber er meinte nur, vielleicht fände sie das richtig gut, wenn sie noch einmal zu uns käme.

Es war ein schöner, aber auch sehr anstrengender Tag für Heidi. Sie ließ sich daher nur zu gern überreden, bei uns zu bleiben. Nur diese eine Nacht.

Am nächsten Morgen boten wir ihr an, einfach die ganze Woche zu bleiben. Sie willigte ein, nachdem sie uns das Versprechen abgenommen hatte, dass es wirklich nur diese eine Woche wäre.

Heidi sollte nie wieder in ihre Wohnung kommen.

Am selben Tag noch bastelteten wir unsere Wohnung um. Unser Schlafzimmer wurde Heidis Zimmer, unser Arbeitszimmer wurde zu unserem Schlafzimmer. Sie moserte wie verrückt. Wir sollten doch nicht so einen Aufwand betreiben, es wäre ja nur für eine Woche… .

Ich denke, sie hat gewusst, dass sie nicht wieder nach Hause kommt. Wenn mich nicht alles täuscht, hat sie nur auf einen solchen Tag gewartet. – Um es mir ein wenig einfacher zu machen.

Genau weiß ich es nicht, aber… sie hätte es definitiv drauf gehabt.